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Digitale Energieeffizienz

Smart Services und Contracting werden die Energiewirtschaft und den Energieverbrauch nachhaltig verändern. Der Zeitpunkt für Investitionen ist dank „Nullzins-Politik“ so günstig wie nie.

Bis vor Kurzem noch galt eine solche Entwick­lung als unvorstellbar: Inzwischen verlangen erste Banken von Geschäftskunden ein „Verwahr-Entgelt“ für große Geldbeträge. Für die betroffenen Unternehmen ist das natürlich bitter – andererseits machen die negativen Zinsen zugleich Investitionen in die Energieeffizienz noch attraktiver als zuvor. Denn warum sollte man sein Geld gegen Gebühr auf der Bank liegen lassen, wenn es stattdessen – richtig investiert – im Unternehmen helfen kann, Ausgaben zu reduzieren? Zumal die Einsparung von Energie und Rohstoffen unternehmerisch oft die sicherste Art ist, die Profitabilität des Unternehmens zu steigern.

Das weiß man natürlich auch im Wirtschaftsministerium, das im Sommer das „Grünbuch Energieeffizienz“ vorstellte. Durch die Senkung des Energieverbrauchs, heißt es darin, könnten alle gewinnen, die Unternehmen wie auch die privaten Verbraucher. Minister Sigmar Gabriel weiß: „Energieeffizienz ist ganz entscheidend für das Gelingen der Energiewende und die Umsetzung der Ergebnisse der jüngsten Klimakonferenz in Paris.“

Claudia Müller von EnviroChemie optimiert mit Energie­effizienz­dienst­­leistungen die Betriebskosten.

Claudia Müller von EnviroChemie optimiert mit Energie­effizienz­dienst­­leistungen die Betriebskosten.

Dennoch wird das Effizienzpotenzial in Deutschland heute noch nicht in dem Maße erschlossen, wie es ökonomisch sinnvoll wäre. Dafür gibt es natürlich zahlreiche Gründe. Einer ist mangelndes Wissen über die Verbräuche; hier könnte in Zukunft die Digitalisierung helfen. Ein anderes wesentliches Hemm­nis bilden in diesem Kontext sind man­gelnde Kenntnisse der Unternehmen zum Thema Energie­versorgung. Den Fir­men kann man das nicht vorwerfen, denn schließlich sind sie in der Regel ausreichend damit beschäftigt, in ihrem eigentlichen Geschäftsfeld auf dem neuesten Stand zu bleiben. Wer zum Beispiel Experte für hochwertige Sensortechnik ist, der will seine Kapazitäten nicht darauf verwenden, zusätzlich noch Experte in Energie­fragen zu werden.

trendreport.de

Innovation Labs
Ohne Energieeffizienz sind die Klimaschutzziele nicht zu erreichen und ohne Digitalisierung wird es keine duchgängige Energieeffizienz geben. Wie aber will die Politik die Wirtschaft und Gesellschaft mitnehmen? Dr. Michael Kuhndt plädiert im Gespräch mit der TREND-REPORT-Redaktion für Innovation-Labs, die alle Beteiligten zusammenbringen. https://trendreport.de/energie-mit-effizienz

Offene Messsysteme
Im Gespräch mit der TREND-REPORT-Redaktion erläutert Dieter Berndt von Qundis, wie die Digitalisierung die Heizkostenabrechnung effizienter und transparenter macht. http://www.trendreport.de/energieverbrauch

Aber auch für dieses Problem gibt es eine elegante Lösung, und die heißt Contracting: Man vergibt die Energie- oder auch Medienversorgung (also alles, was in Rohren fließen kann, Gase, Flüssigkeiten oder auch Druckluft) an ein externes Unternehmen. Und da dieses seine Kernkompetenz in exakt diesem Bereich hat, kennt es alle Kniffe der Effizienz. Das Contracting gibt es in verschiedenen Ausprägungen. Während das Energieliefer-Contracting sich schon ein Stück weit durchgesetzt hat, steht das Energieeinspar-Contracting noch am Anfang. Bei diesem geht es darum, dass ein externer Investor Verbräuche senkt, sei es an Strom, Wärme oder anderem, was Geld kostet. Er refinanziert seine Investitionen aus den erzielten Einsparungen.

Energieeffizienz durch Digitalisierung birgt „viel Potenzial für neue Geschäftsmodelle“, erläutert Michael Kuhndt.

Energieeffizienz durch Digitalisierung birgt „viel Potenzial für neue Geschäftsmodelle“, erläutert Michael Kuhndt.

Erst 1,6 Prozent aller kleinen und mittelgroßen Unternehmen (als KMU bezeichnet) hätten bisher ein umfassendes Energieeinspar-Contracting in Anspruch genommen, heißt es im Grünbuch. Die Bereitschaft von Immobilien- und Anlagenbesitzern, ihre Vermögensgegenstände an langfristige Verträge zu binden, sei „nach wie vor begrenzt“. An­bieter sind aber längst am Markt aktiv. Michael Kuhndt vom Collaborating Centre on Sustainable Consumption and Production gGmbH nennt als Beispiel die Firma Philips: „Die sagen, wir stellen nicht mehr die Lampe her, sondern wir verkaufen Licht, wir verkaufen Helligkeit.“ Sie liefern also die Dienstleistung „ausgeleuchtete Arbeitsplätze“. Die Kunden, sagt Kuhndt, wollten oft gar nicht das Produkt kaufen, sie wollten nur den Nutzen, in diesem Fall eben das Licht. Andere Beispiele für Contracting benennt die Firma EnviroChemie, die in diesem Metier tätig ist.

Claudia Müller, Projektmanagerin Geschäftsentwicklung bei EnviroChemie: „Als Partner für die industrielle Wasser- und Abwasserbehand­lung bieten wir nachhaltige Lösungen für alle Aufgaben, die bei der Wasseraufbereitung und Behandlung anfa­l­len. Neben Planung und Bau entwickelt EnviroChemie im eigenen Anwen­dungs­­labor kundenspezifische Lösungen.“ In Zukunft dürften solche Lösungen auch durch die Gesetzgebung verstärkt zum Zuge kommen. „Um sämtliche Marktpotenziale zu nut­zen, muss der Rahmen für den Markt für Energieeffizienz­dienstleistungen weit­erentwickelt wer­den“, heißt es im Grünbuch, wenn­gleich auch noch recht unkonkret. Dabei muss über sämtliche Ressourcen im Unternehmen nachgedacht werden. Müller weiter: „Im Rahmen der Betriebskostenoptimierung ist der Energieverbrauch, der unter anderem durch die Wasser- und Abwasserbehandlung entsteht, oftmals eine wichtige Stellschraube. In manchen Fällen kann Energie in Form von Biogas aus dem Abwasser gewonnen und anstelle fossiler Energieträger genutzt werden.“

Die EU unterdessen macht für alle Unternehmen, die nicht unter die europäische KMU-Definition fallen, Energieaudits zur Pflicht. Mindestens alle vier Jahre müssen die Betriebe diesen Prozess durchlaufen, der herstellerneutral von einer unabhängigen Person betreut werden muss. Freigestellt von der Pflicht sind lediglich Unternehmen, die bereits ein Energiemanagementsystem nach DIN EN ISO 50001 oder ein Umweltmanagementsystem nach EMAS eingerichtet haben. Das Energieaudit muss mindestens 90 Prozent des Gesamtenergieverbrauchs des Unternehmens erfassen. Es basiert auf aktuellen, gemessenen, belegbaren Energieverbrauchsdaten und Lastprofilen und schließt eine eingehende Prüfung des Energieverbrauchsprofils von Gebäuden, Anlagen, Betriebsabläufen und des Ver­kehrs ein. Die Audits ermitteln detaillierte Verbesserungsmöglichkeiten mit klaren Informationen zur Einsparung, idealerweise mitsamt einer Lebenszyklus-Kostenanalyse. Und diese Analyse ist schon der erste Schritt für die Optimierung der Prozesse.

Sparen durch flexible Produktion

Darüber hinaus dürfte in Zukunft ein Konzept an Bedeutung gewinnen, das sich Demand-Response nennt, oder auch Demand-Side-Management. Damit ge­meint ist ein automatisiertes Regelungs­verfahren, das den Stromverbrauch eines Unternehmens je nach Situation der Stromerzeugung verändert. Im engeren Sinne ist es lediglich ein Lastmanagement, etwa indem energieintensive Pro­zesse so weit wie möglich in jene Zeiten verlagert werden, in denen Strom in großen Mengen (etwa tagsüber durch Photovoltaik) vorhanden ist. Im weiteren Sinne kann eine intelligente Steuerung neben Lasten auch Speicher und Erzeuger in ihrer Betriebsweise optimieren. Man spricht dann auch von einem „Virtuellen Kraftwerk“ oder einem „Virtuellen Energiesystem“.

Für die Unternehmen kann das lukrativ sein, weil in Zeiten hohen Stromangebots im Netz die Preise am Spotmarkt niedriger sind. Größere Stromverbraucher können aber auch in anderen Segmenten des Strommarktes – etwa im Regelenergiemarkt – agieren, und damit Zusatzeinnahmen erzielen. Weil aber auch das wiederum Kompetenzen sind, die viele produzierende Unternehmen nicht selbst aufbauen wollen, bieten heute Dienstleister diesen Service an.
Oft kann auch die Stromeigenerzeugung mit erneuerbaren Energien den Einstieg in solche Konzepte liefern, zumal Solarstrom vom eigenen Firmendach heute schon günstiger sein kann als der Strom aus dem Netz. Damit bietet es sich an, die Eigenverbrauchsquote durch Lastmanagement zu erhöhen. Und wer Strom nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz erzeugt und direktvermarktet, hat ohnehin meistens bereits einen entsprechenden Dienstleister an der Hand. Der Weg zu einem allumfassenden Energiemanagement ist dann nicht mehr weit.

Dieter Berndt von Qundis erläutert TREND-REPORT-Redakteur Bernhard Haselbauer, wie die Digitalisierung mit offenen Messsystemen die Heizkosten­abrechnung transparenter macht.

Dieter Berndt von Qundis erläutert TREND-REPORT-Redakteur Bernhard Haselbauer, wie die Digitalisierung mit offenen Messsystemen die Heizkosten­abrechnung transparenter macht.

Dabei hilft die Digitalisierung sehr. „Sie schafft neue Potenziale zur Steigerung der Energieeffizienz“, heißt es im Grünbuch. Denn durch die kontinuierliche Verbrauchs­erfassung ergäben sich neue Möglichkeiten der Analyse und der Nutzerinformation, und es ließen sich darauf basierend Mehrwertdienste und (Finanzierungs- und Beratungs-)Dienstleistungen für Energieeffizienz entwickeln, die in dieser Form zuvor technisch-organisatorisch unmöglich oder zu teuer waren. Das könnte sogar im Wohnhaus Vorteile bringen. Heute kommt die Heizkostenabrechnung für das zurückliegende Jahr in der Regel so spät, dass kein Mieter es mehr nachvollziehen kann, wenn sie vom Vorjahr erheblich abweicht. „Heute kann man den Verbrauch transparent machen und dem Mieter einmal die Woche oder jeden Tag oder in welchem Zeitraum auch immer eine Abrechnung zukommen lassen“, sagt Dieter Berndt von der Firma Qundis, die Messsysteme für die Verbrauchserfassung und -abrechnung von Wasser und Wärme anbietet. „Über dieses Bewusstsein fangen die Leute an, Energie zu sparen“, erklärt der Geschäftsführer der Firma.

Studien der EU-Kommission, an denen auch Qundis beteiligt war, hätten ergeben, dass Verbraucher so bis zu 30 Prozent Energie einsparen können. Und in Zukunft könne sogar die Wettervorhersage in die Steuerung einfließen – und so zum Beispiel die Heizungsanlage bereits drosseln, wenn absehbar ist, dass gleich die Sonne herauskommt.

von Bernward Janzing
b.janzing@trendreport.de

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