Wirtschaftsweisen fordern Steuerwende: Was jetzt auf Deutschland zukommt

Deutschland steht an einem wirtschaftlichen Wendepunkt. Während viele Industrien unter hoher Kostenbelastung, schwacher Nachfrage und sinkender Wettbewerbsfähigkeit leiden, zeigen die Wirtschaftsweisen in ihrem neuen Jahresgutachten 2025/26 klar auf: Ohne ein umfassendes Reformpaket wird die Wirtschaftsleistung in den kommenden Jahren nur gering wachsen. Im Mittelpunkt der Empfehlungen stehen tiefgreifende Veränderungen im Steuer- und Abgabensystem, eine Modernisierung staatlicher Strukturen und gezielte Impulse für Innovation und Investitionen. Das Gutachten ist damit eine der schärfsten Reformaufforderungen der vergangenen Jahre.

Unternehmen stärken: Steuerrahmen modernisieren
Der Sachverständigenrat stellt fest, dass Unternehmen in Deutschland stark unter einer Kombination aus hohen Steuersätzen, Bürokratie und Investitionshemmnissen leiden. Die Wirtschaftsweisen empfehlen deshalb eine tiefgreifende Modernisierung der Unternehmensbesteuerung. Dazu gehören bessere und schnellere Abschreibungsmöglichkeiten, echte Investitionsanreize sowie eine Entlastung bei der steuerlichen Behandlung von Reinvestitionen.

Zudem sehen sie Handlungsbedarf beim internationalen Standortvergleich: Während andere Industrieländer ihre Unternehmenssteuern senken oder Vereinfachungen eingeführt haben, wirkt das deutsche System zunehmend wie ein Wettbewerbsnachteil. Eine Reform soll die Attraktivität des Standorts steigern, speziell für technologieorientierte und kapitalintensive Branchen.

Erbschaftsteuer neu denken: Fair, zielgenau und ökonomisch sinnvoll
Ein Schwerpunkt des aktuellen Gutachtens ist die Reform der Erbschaft- und Schenkungsteuer. Die Wirtschaftsweisen betonen, dass große Betriebsvermögen zu stark entlastet werden, während kleinere Erbschaften und private Vermögensübertragungen kaum von Begünstigungen profitieren. Ziel ist eine gerechtere Ausgestaltung, die zugleich sicherstellt, dass Familienbetriebe nicht durch Steuerlasten gefährdet werden.

Die Experten empfehlen, Ausnahmeregeln für Unternehmensübergaben präziser zu fassen und stärker an die tatsächliche betriebliche Notwendigkeit zu koppeln. Die Weiterführung von Unternehmen soll erleichtert, reine Vermögensverschiebung aber erschwert werden. So könne die Steuer effektiver werden, ohne wirtschaftliche Substanz anzugreifen.

Steuersystem entschlacken: Weniger Komplexität, mehr Effizienz
Deutschland zählt europaweit zu den Ländern mit den komplexesten Steuerregeln. Die Wirtschaftsweisen sehen darin einen wesentlichen Störfaktor für Wachstum und Produktivität. Das Gutachten fordert deshalb eine Vereinfachung des gesamten Steuersystems – mit weniger Sondertatbeständen, klareren Tarifen und administrativer Entlastung.

Auch für private Haushalte sehen die Experten Verbesserungsbedarf: Eine stärkere Entlastung niedriger und mittlerer Einkommen könnte die Kaufkraft stabilisieren und die gesellschaftliche Akzeptanz des Steuersystems erhöhen. Die Vereinfachung gilt als wichtiger Schritt, um Verwaltungskosten zu senken und Fehlanreize zu vermeiden.

Wachstumsschwäche: Strukturprobleme statt Konjunkturkrise
Die Wirtschaftsweisen warnen, dass Deutschland in eine Phase der strukturellen Wachstumsschwäche geraten sei. Anders als frühere Abschwünge gehe es diesmal nicht um konjunkturelle Schwankungen, sondern um grundlegende Herausforderungen: Demografie, hohe Energiekosten, Wettbewerbsnachteile und ein Reformstau, der sich seit Jahren aufbaut.

Das Gutachten betont, dass ohne tiefgreifende Reformen weder Produktivität noch Wohlstand nachhaltig steigen werden. Die Experten fordern daher ein klares politisches Bekenntnis zu modernen Rahmenbedingungen und langfristiger wirtschaftlicher Erneuerung.

Staatshaushalt: Konsolidieren und gleichzeitig Zukunft gestalten
Der Rat spricht sich deutlich für eine Rückkehr zu soliden Haushalten aus. Die Schuldenbremse soll beachtet werden, gleichzeitig müsse der Staat effizienter arbeiten und Prioritäten neu setzen. Subventionen mit geringer Wirkung sollen überprüft werden, während Investitionen in Infrastruktur, Energie, Forschung und Bildung Vorrang haben.

Die Experten unterstreichen, dass staatliche Investitionen nicht durch immer neue Ausnahmen von der Schuldenregel finanziert werden dürfen. Stattdessen müsse der Staat Ausgaben zielgerichteter ausrichten und Verwaltungsprozesse deutlich verschlanken.

Digitalisierung und KI als Schlüssel für mehr Dynamik
Ein zentraler Abschnitt des Gutachtens widmet sich der digitalen Transformation. Die Wirtschaftsweisen sehen erheblichen Nachholbedarf bei Dateninfrastrukturen, Automatisierung und KI. Deutschland bleibe hinter anderen Industrieländern zurück, weil Behörden und Unternehmen zu langsam modernisieren.

Das Gutachten fordert steuerliche Anreize für digitale Investitionen, schnellere Genehmigungswege, mehr Standardisierung und bessere Rahmenbedingungen für datenbasierte Geschäftsmodelle. Automatisierung und KI sollen nicht nur Produktivität steigern, sondern auch staatliche Leistungen effizienter machen.

Folgen für Unternehmen und Privatpersonen
Für Unternehmen könnten die empfohlenen Reformen zu spürbaren Verbesserungen führen:
– investitionsfreundlichere Steuersätze
– modernere Abschreibungsmöglichkeiten
– geringere Bürokratiekosten
– stabilere Rahmenbedingungen bei der Nachfolge
– stärkere Innovationsanreize

Für Bürger versprechen die Vorschläge:
– potenzielle Entlastungen bei der Einkommensteuer
– bessere öffentliche Leistungen durch effizientere Verwaltungen
– mehr Zukunftsinvestitionen ohne steigende Staatsverschuldung
– langfristig höhere Wettbewerbsfähigkeit und Beschäftigung

Die Wirtschaftsweisen machen deutlich: Deutschland muss handeln. Das Jahresgutachten skizziert Wege aus der Stagnation – doch ob die Politik den Mut hat, diese Reformen umzusetzen, bleibt offen.


Quellen:
Jahresgutachten 2025/26 des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung; Pressemitteilung zur Übergabe des Gutachtens am 12. November 2025; öffentliche Stellungnahmen des Sachverständigenrats.