Offene Messsysteme

Im Gespräch mit der TREND-REPORT-Redaktion erläutert Dieter Berndt (li.) von Qundis, wie die Digitalisierung die Heizkostenabrechnung effizienter und transparenter macht.

Herr Berndt, was macht Ihr Unternehmen und wie Sie Ihre Vision aus?
QUNDIS entwickelt, produziert und vertreibt  Messgeräte und -Systeme für die Verbrauchserfassung und -abrechnung von Wasser und Wärme. Dabei sind wir Marktführer für funkbasierte Erfassungssysteme. Uns geht es vor allem um die Energiewende und die Digitalisierung. Wir machen in Deutschland zwar seit Generationen im Prinzip Heizkostenabrechnungen, aber wir haben noch weit über zwanzig Millionen Verdunster im Bundesgebiet − diese Zähler mit den Röhrchen. Die zeigen aber nur grob den  Verbrauch des letzten Jahres an. Ich glaube es ist ein entscheidender Punkt, dass wir die ganze Systemlandschaft sukzessive auf eine neue Plattform heben, damit wir in der Lage sind, den Verbrauch transparent zu machen.

Warum die Transparenz?
Die Heizkostenabrechnung, die ich irgendwann im Dezember 2016 bekomme, nützt mir nur wenig. Sie zeigt zwar den Jahresverbrauch von 2015 an, aber ich weiß nicht, was ich im Januar gemacht habe. Unsere Messsysteme sind heute schon so weit, das Sie sehen können: Ich habe gestern das Fenster im Badezimmer offen gelassen und habe heute einen Fünfer mehr auf dem Zähler.

Wie können solche Mess-Systeme flächendeckend eingesetzt werden? Wer kann das finanzieren?
Dieses Thema haben wir bereits mit dem Wirtschaftsministerium (BMWi) diskutiert. Zuletzt hatten wir Besuch von der Staatssekretärin Iris Gleicke, die als Aufsichtsrat Chefin der Deutschen Energie-Agentur (dena) ständig mit der Frage zwischen Effizienz und Kosten konfrontiert ist und einen Weg finden will, wie solche Systeme effizient arbeiten und sich rechnen.

Haben Sie beim Messen von Wasser- und Wärme auch einen größeren Kontext im Blick?
Der richtige Ansatz ist, das Gebäude im Gesamten zu betrachten. Es geht nicht nur um den Wärme- und Wasserverbrauch. Unsere Lösungen machen den Verbrauch transparent und Mieter können zu jeder Zeit darüber informiert werden. Viel wichtiger ist aber: Mit diesen Informationen wird ein Bewusstsein bei den Bewohnern geschaffen. Über dieses Bewusstsein fangen die Leute an, Energie zu sparen. Studien der EU-Kommission, an denen wir uns auch beteiligt haben, sagen, Verbraucher können so bis zu 30 Prozent Energie einsparen. Wir haben in Summe mehr als 6 Millionen Wohnungen mit unseren Messgeräten ausgestattet − und davon mehr als  1,5 Millionen Wohnungen mit unseren Funksystemen. Heißt also: Allein durch unsere Technik werden 4,5 Millionen Tonnen CO2-Emissionen pro Jahr vermieden − die Menge, die bei einer Stadt mit 500.000 Einwohnern jährlich anfallen.

Wie funktionieren Ihre Systeme? Welche Funkstandards nutzen Sie? Gibt es die Möglichkeit, sich direkt auf einem Mobiltelefon informieren zu lassen, was ich falsch mache?
Unsere Systeme sind offen. Das unterscheidet uns von den großen Wettbewerbern. Wir orientieren uns am Open Metering Standard (OMS), mit dem intelligente Zähler für z.B. Strom, Wasser, Wärme und Gas herstellerübergreifend miteinander kommunizieren können. Wir haben den ersten Heizkostenverteiler entwickelt, der nach OMS zertifiziert ist. Wir bieten eine Möglichkeit, über Funksysteme und Netzwerkstrukturen − also Netzwerke, Knoten, Datensammler und Gateways − Verbrauchsdaten zu erfassen. Wir bieten das gesamte Hardware- und Kommunikationspaket an. Das heißt, der Kunde muss sich nicht mit der Dateninfrastruktur beschäftigen. Diese bieten wir im Komplettpaket. Wir verbauen die SIM-Karten, haben einen Roaming-Partner und mit Plug & Play funktioniert das System in wenigen Sekunden.

Und damit kann man alles auslesen im Gebäude?
Der Kunde kann alle Werte auslesen und kann sich die Daten verschlüsselt via E-Mail in sein Büro senden lassen. Er kann von dort aus seine eigenen Netzwerke konfigurieren. Er sieht seine Geräte und alle Betriebsinformationen dazu. Er kann die Daten einlesen und ein Monitoring sowie Analysen durchführen. Wir bieten die Plattform und der Kunde kann mit den Daten weiter arbeiten und zusätzliche Services anbieten − wie z.B. seine Mieter über ihren Verbrauch informieren.

Deshalb sind Sie in diesem Jahr auch auf der dmexco gewesen?
Wir schauen hier, wo der Trend hingeht und das auch aus der Verbrauchersicht heraus. Wir fragen uns, was braucht der Verbraucher eigentlich und was ist überhaupt sinnvoll? Es gibt heute sehr viele Firmen, die Optimierung anbieten und das in  Apps darstellen. Das funktioniert, aber halt nur punktuell. Sie müssen es Gesamtheitlich betrachten. Die Gesamtheit ist für uns, und deshalb arbeiten wir gerade mit der Deutschen Energie-Agentur (dena) zusammen, ein Projekt aufzusetzen wo Sie vom Heizungskeller bis zu jedem Raum das Haus als System betrachten.

Können Sie das konkretisieren?
Wir arbeiten daran, im Rahmen der Digitalisierung der Energiewende, ein Multi-Utility-Gateway auf den Weg zu bringen, das alle Verbrauchsmedien verbindet. Heute gibt es Strom, Gas, Wärme und Wasser: In der Regel haben Sie dann mehrere Anbieter im Haus. Und so versucht jeder im Haus sich im Kleinen zu optimieren. Wir haben eine Struktur geschaffen, die in der Lage ist sämtliche Medien zu verbinden und gemeinsam zu betrachten. Die QUNDIS Smart Metering Plattform (Q SMP) ist von Beginn an dafür ausgelegt, all diese Daten mitzunehmen. Und damit sind wir in der Lage, ein umfassendes Informationsmanagement im Gebäude anzubieten.

Und dadurch haben die anderen dann wahrscheinlich die Möglichkeit auf dem offenen Standard ihre Regelungen und Systeme zu implementieren.
Ja, Sie können bei unserer Systemlösung im Prinzip die gesamte Gebäudetechnik umfassend integrieren. Davon profitiert das Facility Management der Zukunft.

Wie begegnen Sie möglichen Sicherheitsbedenken?
Ich glaube, es ist wichtig, dass es ein BSI Schutzprofil in der Datenkommunikation bei Strom und Gas gibt. Wasser und Wärme unterliegen dem grundsätzlich nicht. Trotzdem gehen wir die Themen Datensicherheit und Datenschutz schon jetzt an. Wir haben zwei Strukturen, also zwei Übertragungswege. Zum einen haben wir ein bidirektionales GPRS-Funksystem mit verschlüsselter VPN-Verbindung im IPSec-Verfahren über privaten APN in die Cloud. Und zum anderen ruft der Kunde die Daten über eine SSL- und Passwort-geschützte Verbindung ab.

Und die Lokalisierung der Messgeräte funktioniert auf etwa zwei bis drei Meter?
Genau. Es kommt aber nicht auf das einzelne Messgerät an. Mit einem Heizkostenverteiler alleine können Sie nichts anfangen. Erst in Verbindung aller Heizkostenverteiler und in der Verbindung mit Umlageanteilen erhalten Sie Abrechnungsdaten. Dazu brauchen Sie ein Liegenschaftssystem, sozusagen die Abrechnungssoftware. Diese stellen wir inzwischen auch bereit. Der entscheidende Punkt ist aber, wir können über Gateways auf die Netzwerkknoten zugreifen, um sie zu steuern. Aber wir können die Endgeräte nicht ansteuern − aus Sicherheitsgründen − das unterscheidet uns von anderen Anbietern. Es kann also niemand z.B. den Heizkostenverteiler manipulieren, weil der nur unidirektional sendet. Erst in der übergelagerten Instanz, wenn wir dann bidirektionale Systeme haben, werden die Daten mitgenommen.

Aber steuern kann man den Heizkörper schon noch? Also wenn ich mal 14 Tage nicht da bin?
Das können Sie natürlich machen. Wir bieten ja keine Heizkörperregelung an. Wir haben nur die Messgeräte.

Was sagen Sie zum Grünbuch von Herrn Gabriel und dem BMWI?
Wir beschäftigen uns vielfältig damit. Wir bringen uns beim Erneuerbare-Energien-Gesetz zu den Themen Heizkosten und Digitalisierung über den Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW) mit ein. Wir sind dort Mitglied in der Energiekommission.

Was muss ganz konkret getan werden momentan?
Ich glaube, man muss erstmal festlegen, für wen ist eigentlich das Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende geschrieben. Ist es eine Steilvorlage für die großen Versorger oder ist es für die Verbraucher gedacht − also dazu den Verbraucherschutz und die Verbraucherakzeptanz zu stärken. Und da ist das Gesetz aus unserer Sicht noch nicht ganz rund. Da werden noch einige Diskussionen entstehen und ich bin mir fast sicher, dass der ein oder andere mittelständische Messdienst das auch nochmal höchst richterlich geklärt haben will. Die mangelnde Investitionssicherheit könnte ein Problem werden.

Das heißt, da ist keine Investitionssicherheit mehr da durch das Gesetz?
Man möchte eigentlich von den langen Laufzeiten weg kommen. Das Bundeskartellamt möchte mehr Wettbewerb. Man möchte kürzere Laufzeiten und eine höhere Flexibilität haben. Alles was den Verbrauchern etwas bringt. Aber: Da ist der Verbraucherschutz auf der einen Seite und der Investitionsschutz für Unternehmen auf der anderen Seite. Und es soll auch etwas passieren zwischen den Konzernen und dem Mittelstand. Denn der Mittelstand ist nicht in der Lage, Investitionen in der Form zu tätigen. Und wenn man sich das Gesetz heute anschaut, ist es eine Steilvorlage für die Konzerne. Aber ich glaube, wir haben sehr gute Möglichkeiten mit unseren Systemen, den Grundgedanken des Gesetzes darzustellen und dann auch den Verbrauchern und unseren Kunden das entsprechend so aufzubereiten.

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Dieter Berndt (li.) von Qundis erläutert TREND-REPORT-Redakteur Bernhard Haselbauer, wie die Digitalisierung mit offenen Messsystemen die Heizkosten­abrechnung transparenter macht.

Ein direkter Mitbewerber von Ihnen ist wahrscheinlich Ista, nehme ich an?
Wir bieten selbst im Moment keine Abrechnungsdienstleistungen an, so wie Ista. Wir haben in Deutschland das Modell, dass wir entweder an die Wohnungswirtschaft direkt verkaufen und diese auf den Weg der Selbstabrechnung im Sinne des Insourcing bringen oder eben an die kleinen, mittelständischen, unabhängigen Messdienste, weil wir offene Systeme anbieten. Ista ist somit ein mittelbarer Konkurrent von uns, weil sie eben geschlossene Systeme inklusive der Dienstleistung anbieten.

Haben Sie mit Ihrer Geschäftsgrundlagedurch das offene System eventuell in Zukunft bessere Chancen am Markt?
Wir sind überzeugt davon, dass wir bessere Chancen haben. Und wenn Sie sich mal in Europa, in z.B. in der Schweiz umsehen, sieht es so aus: Da gibt es eine komplette Entkopplung mit unterschiedlichen Parteien, die Verträge abschließen. In Deutschland haben wir die Verträge A zu B und A zu B. In der Schweiz ist das anders. Da schließt der Immobilien-Eigentümer einen Hardware-Vertrag ab, aber die Dienstleistung (Ablesung und Abrechnung) läuft über ein anderes Unternehmen. Hier sind wir bereit und wollen das alles aufbrechen. In dem Kontext sind wir sehr gut vorbereitet. Wir studieren sehr aufmerksam, was Digitalisierung eigentlich bedeutet. Was macht jemand wie Google? Dann kommen auch solche Schlagworte wie Big Date ins Spiel. Wir sammeln die Daten über unsere Geräte, die entsprechend dann die Kunden verarbeiten, das ist sicherlich klar. Aber auf der anderen Seite kommen wir eher weniger von der Verbraucherseite wie Google, die Daten sammeln, um Daten zu haben. Wir kommen mehr aus der unternehmerischen, aus der wirtschaftlichen Seite heraus und gehen von der Eigentümer-Seite heran. Wir haben einen anderen Ansatz dabei.

Wo geht der Weg für Sie in Zukunft hin?
Gute Hardware kann heute fast jeder. Das entscheidende dabei ist, das man immer den Schritt nach vorne denkt. Was kommt eigentlich mit der Digitalisierung? Wo gehen eigentlich zukünftig die Bewirtschaftungsmodelle für Immobilien hin? Wir beschäftigen uns mit verschiedenen Kooperationen sowie Universitäten und überlegen, wie sieht eigentlich die Bewirtschaftung von Immobilien in 30 oder 40 Jahren aus. Welche Themen brauchen wir da eigentlich und wie können wir das jetzt aufbauen für die nächste oder die übernächste Generation. So versuchen wir uns da ein bisschen anzunähern. Und ich glaube, wir haben da in Sachen Innovation die Nase vorn.

Sollte man in Zukunft also konsequent auf intelligente Systeme setzen, um die Bewirtschaftung der Immobilien energieeffizient zu gestalten?
Wir sind überzeugt, dass die Energieeffizient in Gebäuden von der Aufbereitung der Daten, zum Verfügungstellen der Daten, von der Analyse und damit ableitend von verschiedenen Steuerungsmöglichkeiten ein unheimliches Potenzial bietet.

Also kann man sagen, das Internet of Things, das Internet allgemein ist für Sie auch wichtig, um in Zukunft Services so anzupassen, dass sie nachhaltig sind, Energieeffizienz steigern, effektiv und automatisiert sind?
Wir sind natürlich immer daran interessiert, die Wirtschaftlichkeit der neuen Technologien in der Praxis umzusetzen. Das Internet of Things wird definitiv auch in der Immobilienwirtschaft ein Thema werden, wenn es für die Messgeräte und Heizkostenverteiler geht. Wenn man einen neuen Standard etablieren kann wie z.B. Near-by LTE und das wirtschaftlich darstellen kann für Millionen von Geräten, dann glaube ich, kommen wir in eine ganz andere Kategorie der Digitalisierung auch hinsichtlich der Möglichkeiten Effizienz zu beeinflussen im positiven Sinn.

 

Sehr geehrter Herr Berndt, vielen Dank für das Interview!

 

 

Weitere Informationen unter:
www.qundis.de

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