Forschung: KI braucht einen menschenzentrierten Arbeitsplatz
Unsere Redaktion im Gespräch mit Dr. Dewi Schönbeck, Geschäftsführerin der Steelcase GmbH, über aktuelle Forschungsergebnisse und Makro-Veränderungen, die Arbeitswelt, Büros und Zusammenarbeit in einer zunehmend digitalen und vernetzten Gesellschaft grundlegend verändern.
Frau Dr. Schönbeck, warum sollten wir KI-gerechte Arbeitsorte schaffen?
Künstliche Intelligenz verändert Arbeitsprozesse grundlegend. Routineaufgaben werden automatisiert, Entscheidungen beschleunigt und neue Rollen entstehen. Gleichzeitig wächst die Bedeutung von Zusammenarbeit, kritischem Denken und kreativen Aufgaben. Arbeitsorte müssen deshalb stärker darauf ausgerichtet sein, Menschen im Umgang mit KI zu unterstützen. Dazu gehört die Integration von Technologie in den Raum ebenso wie Möglichkeiten für Austausch, Rückzug und konzentriertes Arbeiten. Wenn Arbeitsumgebungen bewusst gestaltet werden, können Beschäftigte KI als Werkzeug nutzen, statt von ihr überfordert zu werden. Der Arbeitsplatz wird damit zu einem entscheidenden Faktor für Produktivität, Lernfähigkeit und Innovation.

Dr. Dewi Schönbeck erläutert: „Die Gestaltung von Arbeitsräumen beeinflusst Konzentration, Kreativität und mentale Belastung stärker, als lange angenommen wurde. Licht, Geräuschpegel, Materialien oder visuelle Reize können sowohl stimulierend wirken als auch Stress auslösen.“
Auf welche Veränderungen müssen wir uns durch die tägliche Arbeit am Monitor einstellen?
Hybride Arbeitsmodelle haben dazu geführt, dass viele Beschäftigte heute mehr Zeit in virtuellen Meetings verbringen als in persönlichen Gesprächen. Arbeit findet häufig direkt am Bildschirm statt und wechselt zwischen Büro, Homeoffice und mobilen Arbeitsorten. Diese Flexibilität hat Vorteile, bringt aber auch neue Herausforderungen mit sich. Viele Menschen springen heute von Meeting zu Meeting und verlassen ihren Arbeitsplatz kaum noch. Gleichzeitig kann die dauerhafte Bildschirmarbeit zu Isolation oder mentaler Belastung führen. Büros müssen deshalb Räume bieten, die digitale Zusammenarbeit technisch unterstützen, gleichzeitig aber auch persönliche Begegnungen und spontane Kommunikation wieder ermöglichen.
Was bedeutet in diesem Kontext „Community-Based Design“?
Community-Based Design beschreibt einen Ansatz, bei dem Arbeitsumgebungen gezielt als soziale Räume gestaltet werden. Büros werden dabei ähnlich wie kleine Stadtviertel gedacht: mit offenen Treffpunkten für Austausch, halböffentlichen Bereichen für Teams und ruhigen Rückzugsorten für konzentrierte Arbeit. Ziel ist es, Zugehörigkeit, Zusammenarbeit und informelle Kommunikation zu fördern. Gerade in einer Arbeitswelt, die stark durch digitale Technologien und KI geprägt ist, gewinnen soziale Kompetenzen und persönliche Beziehungen an Bedeutung. Räume können diese Interaktionen unterstützen. Unternehmen gestalten damit nicht nur Arbeitsplätze, sondern Orte, an denen Gemeinschaft entsteht und Unternehmenskultur sichtbar wird.

Community-Based Design beschreibt einen Ansatz, bei dem Arbeitsumgebungen gezielt als soziale Räume gestaltet werden. Büros werden dabei ähnlich wie kleine Stadtviertel gedacht.
Wie unterstützen Sie Unternehmen bei der Transformation im Büro?
Der erste Schritt besteht darin, die Ziele und Bedürfnisse eines Unternehmens zu verstehen. Geht es primär um Digitalisierung, um neue Arbeitsmodelle, um Talentgewinnung oder um Nachhaltigkeit? Auf dieser Grundlage entwickeln wir gemeinsam mit den Organisationen neue Arbeitsumgebungen. Steelcase verbindet dabei Forschung, Beratung, Raumplanung und Produktentwicklung. In Workshops und Co-Creation-Prozessen entstehen Konzepte, die sowohl die Arbeitsweise der Teams als auch die kulturellen Werte eines Unternehmens berücksichtigen. Ziel ist es, flexible Arbeitsräume zu schaffen, die Zusammenarbeit fördern und unterschiedliche Arbeitsstile zu ermöglichen, die sich an zukünftige Veränderungen anpassen können.
Ist Nachhaltigkeit bei all diesen Veränderungen überhaupt noch relevant?
Nachhaltigkeit gehört heute zu den zentralen Makrotrends der Arbeitswelt. Immer mehr Unternehmen verpflichten sich zu wissenschaftlich fundierten Klimazielen und versuchen, ihren CO₂-Ausstoß systematisch zu reduzieren. Diese Entwicklung betrifft auch die Gestaltung von Arbeitsumgebungen. Büromöbel und Innenausstattung werden zunehmend unter dem Gesichtspunkt von Materialeffizienz, Recyclingfähigkeit und Langlebigkeit entwickelt. Gleichzeitig wächst die Nachfrage nach zirkulären Konzepten, bei denen Produkte wiederaufbereitet oder weiterverwendet werden. Solche Modelle verlängern Lebenszyklen, reduzieren Abfall und senken Emissionen. Nachhaltigkeit wird damit zu einem festen Bestandteil moderner Arbeitsplatzstrategien.
Welche Makro-Veränderungen im Kontext von Arbeitsumgebungen hat Ihre Forschung identifiziert?
Unsere Forschung zeigt vier zentrale Entwicklungen, die die Arbeitswelt derzeit prägen. Erstens verschiebt sich Arbeit zunehmend in digitale Umgebungen – viele Menschen verbringen einen Großteil ihres Arbeitstages vor Bildschirmen. Zweitens erleben wir einen KI-Superzyklus, der Arbeitsprozesse beschleunigt und neue Kompetenzen erforderlich macht. Drittens gewinnt nachhaltiges Wirtschaften massiv an Bedeutung, da Unternehmen stärker auf Ressourcenverbrauch und Klimaziele achten. Viertens rückt das Wohlbefinden der Mitarbeitenden stärker in den Fokus, weil mentale Belastungen und Stress in der Arbeitswelt zunehmen. Arbeitsumgebungen müssen auf diese Veränderungen reagieren.

Hybride Arbeitsmodelle haben dazu geführt, dass viele Beschäftigte heute mehr Zeit in virtuellen Meetings verbringen als in persönlichen Gesprächen. Arbeit findet häufig direkt am Bildschirm statt und wechselt zwischen Büro, Homeoffice und mobilen Arbeitsorten.
Welche Trends beobachten Sie derzeit in den USA?
In den USA zeigt sich aktuell eine interessante Entwicklung: Viele Unternehmen bewerten das Büro wieder stärker als strategischen Ort für Zusammenarbeit und Unternehmenskultur. Während hybride Modelle weiterhin bestehen bleiben, kehren zahlreiche Organisationen zu stabileren Präsenzstrukturen zurück. Führungskräfte sehen das Büro zunehmend nicht mehr nur als Immobilie, sondern als Instrument zur Förderung von Innovation, Engagement und Teamarbeit. Gleichzeitig investieren Unternehmen verstärkt in hochwertige Arbeitsumgebungen, die Zusammenarbeit erleichtern und den Mitarbeitenden einen klaren Mehrwert gegenüber dem Homeoffice bieten.
Sie sprechen von einer Verbindung zwischen Bürodesign und der Gesundheit des Gehirns. Was zeigen Ihre Forschungsergebnisse?
Die Gestaltung von Arbeitsräumen beeinflusst Konzentration, Kreativität und mentale Belastung stärker, als lange angenommen wurde. Licht, Geräuschpegel, Materialien oder visuelle Reize können sowohl stimulierend wirken als auch Stress auslösen. Deshalb ist es wichtig, unterschiedliche Arbeitsumgebungen anzubieten. Manche Menschen arbeiten produktiver in lebendigen, kommunikativen Bereichen, während andere ruhige Rückzugsräume benötigen. Moderne Bürogestaltung berücksichtigt diese Vielfalt und schafft unterschiedliche Zonen für Fokusarbeit, Austausch oder Erholung. So kann der Arbeitsplatz dazu beitragen, mentale Gesundheit, Leistungsfähigkeit und langfristige Resilienz zu fördern.
Was bedeutet die „vernetzte Gesellschaft“ für zukünftige Arbeitswelten?
In einer vernetzten Gesellschaft organisiert sich Arbeit zunehmend über Beziehungen, Projekte und gemeinsame Ziele statt über feste Hierarchien oder Orte. Teams arbeiten verteilt, digital verbunden und oft über Unternehmensgrenzen hinweg zusammen. Dadurch verändert sich auch die Rolle des Büros. Es wird weniger zum Ort individueller Routinearbeit und stärker zum sozialen Knotenpunkt für Zusammenarbeit, Lernen und Unternehmenskultur. Arbeitsräume müssen deshalb Austausch, gemeinsames Denken und Innovation unterstützen. Das Büro entwickelt sich damit zu einem zentralen Ort für Begegnung, während viele andere Aufgaben flexibel und ortsunabhängig erledigt werden können.
Vielen Dank für das Gespräch
Weitere Infos unter:
www.steelcase.com/eu-de
Über Dr. Dewi Schönbeck:
In ihrer Funktion als Geschäftsführerin und VP Sales der Steelcase GmbH verantwortet Dr. Dewi Schönbeck den deutschsprachigen Markt. Zuvor entwickelte sie als Director Workplace Design & Consulting gemeinsam mit ihrem Team maßgeschneiderte und innovative Bürokonzepte für führende Organisationen.
Dewi Schönbeck studierte Architektur an der Universität Stuttgart sowie an der University of Sydney. Anschließend lehrte sie als Associate Professor für Environmental Design am Art Center College of Design in Pasadena, Kalifornien. Für ihre Arbeit erhielt sie unter anderem Auszeichnungen vom Bund Deutscher Architekten, der Biennale di Venezia sowie den IF Design Award.
Nach Stationen bei HENN Architekten, BMW Designworks und CSMM wechselte Dewi Schönbeck im Jahr 2019 zur Steelcase GmbH. Dort leitete sie zunächst den Bereich Workplace Design & Consulting für die Region EMEA, bevor sie 2022 zur Geschäftsführerin ernannt wurde.
Bildrechte: Copywrite / Dewi Schönbeck / Steelcase GmbH













