Neue Kompetenzen für die KI-geprägte Arbeitswelt

Unsere Redaktion im Gespräch mit Prof. Dr. Kamal Bhattacharya, Prorektor für Forschung und Transfer an der IU Internationalen Hochschule, über das neue Job Readiness Framework und die Messbarkeit von KI-Kompetenzen.

 

Herr Prof. Bhattacharya, Sie sprechen von einer wachsenden Lücke zwischen technologischer Entwicklung und menschlicher Kompetenz. Wie groß ist dieses Problem aus Ihrer Sicht für Wirtschaft und Arbeitsmarkt?
Unternehmen stehen vor einer großen Herausforderung: Laut World Economic Forum können 63 Prozent sich nicht transformieren, weil den Arbeitnehmenden die richtigen Kompetenzen fehlen. Gleichzeitig entwickelt sich KI so schnell, dass die meisten Bildungseinrichtungen nicht hinterherkommen, diese Fähigkeiten den zukünftigen Arbeitnehmenden beizubringen. Wer heute sein Studium beginnt, tritt in drei bis fünf Jahren in einen Arbeitsmarkt ein, den wir heute noch nicht kennen. Hochschulen müssen jetzt handeln – sonst produzieren wir Absolvent:innen für eine Arbeitswelt, die es so möglicherweise nicht mehr gibt.

Welche Ziele haben Sie sich mit Ihrem „Job Readiness Framework“ für die IU Internationale Hochschule gesetzt?
Unser Ziel bei der IU Internationalen Hochschule ist, dass jede:r Absolvierende vom ersten Tag an in einer von KI geprägten Arbeitswelt effizient arbeiten kann. Unsere Studierenden lernen nicht nur ihr Fach, sondern strategisch zu entscheiden: Wann nutze ich KI? Wann nicht? Wie prüfe ich, ob das Ergebnis stimmt und wofür trage ich Verantwortung? Wir haben dafür ein integriertes Kompetenzmodell entwickelt, das KI-Einsatz über ein Level-System im Curriculum messbar macht. Bis Ende 2026 soll das Job Readiness Framework in allen Studiengängen angeboten werden – also beispielweise in IT, Soziale Arbeit oder Design.

Prof. Dr. Kamal Bhattacharya erläutert: „Die Wirtschaft braucht Menschen, die professionell mit KI arbeiten und das nachweisen können.“

 

 

Wie setzen Sie das genau um?
Drei Elemente fließen in bestehende Kurse ein: Fachwissen, professionelle Arbeitsweisen und reflektierter KI-Einsatz. Damit ändert sich auch die Prüfungslogik. Eine Projektarbeit zählte früher nur über das Ergebnis. Heute dürfen Studierende KI nutzen, müssen aber dokumentieren: Welche KI habe ich wofür eingesetzt? Wie habe ich Ergebnisse geprüft? Wann habe ich zwischen Arbeitsweisen gewechselt – und warum? Bei uns gilt eine Gewichtung von 40 Prozent fachlichem Inhalt und 60 Prozent professionellem Arbeitsprozess. Ein perfekter Businessplan ohne Prozessdokumentation reicht nicht. Denn im Job zählt beides: Qualität und Arbeitsweise.

Verändert sich gerade grundlegend, wie Unternehmen Talente bewerten?
Genau wie menschliche Fähigkeiten bleibt Fachwissen für den Job unverzichtbar. Aber die Anforderungen verschieben sich. KI übernimmt beispielsweise zunehmend Routinetätigkeiten, die früher Berufseinsteiger:innen erledigt haben. In einer internationalen Vergleichsstudie der IU Internationalen Hochschule haben über 55 Prozent der befragten Organisationen angegeben, schon heute KI-Kompetenznachweise gegenüber klassischen Fachtests zu bevorzugen. Das ist ein Paradigmenwechsel. Absolvierende mit nachweisbaren KI-Fähigkeiten haben einen klaren Wettbewerbsvorteil – sie starten auf einem Produktivitätsniveau, das noch vor wenigen Jahren vollkommen undenkbar war.

Ihr Ansatz ist bewusst modular aufgebaut und potenziell übertragbar. Sehen Sie hier einen neuen Standard für Bildungseinrichtungen oder sogar für Unternehmen?
Die Wirtschaft braucht Menschen, die professionell mit KI arbeiten und das nachweisen können. Deshalb haben wir das Framework bewusst offen gestaltet. Andere Hochschulen können es übernehmen, ohne alles neu zu bauen. Auch für Unternehmen ist der Ansatz interessant, um es für die Weiterbildung ihrer Mitarbeitenden zu nutzen. Das Modell ist bewusst praxisnah konzipiert und arbeitet mit konkreten KI-Arbeitsweisen, sogenannten „Professional Modes“, statt abstrakter Skills, die wir über ein Level-System messbar machen, inklusive der Fähigkeit, situativ zwischen ihnen zu wechseln. Ich bin überzeugt: Solche strukturierten Ansätze werden sich in Bildung und Wirtschaft etablieren.

Welche Maßnahmen ergreift die IU Internationale Hochschule noch, um ihre Studierenden auf den modernen Arbeitsmarkt vorzubereiten?
Als größte Hochschule in Deutschland liegt uns eine qualitativ hochwertige Ausbildung am Herzen, die nah an den realen Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt ist. Dafür gehört für uns schon lange insbesondere eine moderne Form der Lehre, die technische Tools aktiv einbindet. So setzen wir beispielsweise seit 2023 auf unseren KI-gestützten Learning Companion Syntea, der über 90.000 Fernstudierende begleitet und den professionellen Umgang mit KI trainiert. Syntea unterstützt Studierende dabei, Lernstände sichtbar zu machen, Wissenslücken gezielt zu erkennen und nächste Lernschritte sinnvoll zu planen. Funktionen wie Lerndialoge, Fortschrittsübersichten und Dokumentensuche fördern strukturiertes Lernen und entlasten im Studienalltag – auch neben Beruf, Familie oder weiteren Verpflichtungen. Zugleich lernen sie, KI souverän und reflektiert zu nutzen.

Viele Bildungseinrichtungen vermitteln KI eher punktuell über Tools oder Anwendungen. Warum reicht dieser Ansatz aus Ihrer Sicht nicht mehr aus?
Der Arbeitsmarkt fragt nicht nach Tool-Kenntnissen fragt, sondern nach Handlungskompetenz. Was heute state-of-the-art ist, kann in sechs Monaten veraltet sein. Wer nur lernt, ChatGPT zu bedienen, muss beim nächsten Tool wieder von vorn anfangen. Das ist nicht zukunftsfähig. Die OECD bestätigt das: Pädagogisch gestaltete KI-Anwendungen führen zu nachhaltigen Lerngewinnen, reine Tool-Trainings nur zu kurzfristigen Erfolgen. Deshalb integrieren wir drei Komponenten: Fachwissen, professionelle Arbeitsweisen und reflektierten KI-Einsatz. Unsere Absolventen können dann mit jeder neuen Technologie umgehen – weil sie das Grundprinzip verstanden haben. Genau das macht sie für Arbeitgeber wertvoll: Sie sind nicht auf ein Tool festgelegt, sondern können sich flexibel anpassen. Viele unserer Professoren sind parallel in Unternehmen tätig – sie wissen genau, welche Kompetenzen wirklich gebraucht werden. Dieses Praxis-Feedback fließt direkt in unsere Kurse ein.

Warum ist es sinnvoll, Kompetenzen eher als Denk- und Arbeitsweisen statt als einzelne Skills zu definieren?
Skill-Listen mit hunderten Einzelkompetenzen sind in der Praxis nicht handhabbar – und schnell veraltet. Kein Personaler kann prüfen, ob jemand 150 verschiedene Skills beherrscht. Professional Modes beschreiben dagegen, wie jemand arbeitet – und das ist übertragbar auf unterschiedlichste Situationen. Unsere Modi – kreatives Problemlösen, kontinuierliches Lernen, strategische Zusammenarbeit und verantwortungsvolle Entscheidungsfindung – sind genau das, was Arbeitgeber:innen suchen. In einer internationalen Vergleichsstudie der IU Internationalen Hochschule sagen fast 80 Prozent: Das Job Readiness Framework ist vollständig. Es deckt ab, was der Arbeitsmarkt wirklich braucht.

Das Framework soll Studierende befähigen, mit KI als „Partner“ zu arbeiten. Was bedeutet diese Zusammenarbeit konkret im Arbeitsalltag?
Wir verstehen KI im Zusammenspiel mit dem Menschen und unterscheiden drei Modi der KI-Nutzung: Assistenz für einfache Aufgaben wie Zusammenfassungen, Partnership für strategische Entwicklung – KI wird zum Sparringspartner – und Orchestrierung, bei der mehrere Tools kombiniert und an jeder Schnittstelle verifiziert werden. Ein konkretes Beispiel aus unseren Projektkursen: Studierende entwickeln einen Businessplan. Sie nutzen z.B. Perplexity für Marktrecherche, ChatGPT für Strukturierung, Claude für wissenschaftliche Einordnung. An jeder Übergabe prüfen sie: Quelle genannt? Primärquelle überprüft? Interpretation korrekt? Ein Studierender dokumentierte: „ChatGPT nennt 40 Prozent – Quelle geprüft – tatsächlich 38,4 Prozent – als gerundet übernommen.“ Genau diese Verifikationskompetenz macht den Unterschied. Im Arbeitsalltag heißt das: Studierende können entscheiden, welche Aufgaben sie delegieren – und welche nicht. Sie verstehen, wann KI-Einsatz produktiv ist, wann er ethisch problematisch wird und wann menschliches Urteilsvermögen unverzichtbar bleibt. Das ist strategische Zusammenarbeit, keine blinde Abhängigkeit.

Warum wird es entscheidend, KI-Kompetenzen messbar zu machen?
Auf der einen Seite müssen Arbeitgeber wissen: Kann jemand wirklich mit KI arbeiten – oder hat er nur mal ein Tool ausprobiert? Gleichzeitig hilft Messbarkeit den Studierenden selbst: Sie sehen, wo sie stehen und was der nächste Entwicklungsschritt ist. Unser fünfstufiges Modell schafft Klarheit – auf Level 0 starten Studierende mit ihrem Fachwissen ohne reinen KI-Bezug, auf Level 4 beherrscht man professionelles Urteilsvermögen in Zusammenspiel mit KI und fachlichem Knowhow. Jede Stufe ist durch konkrete Leistungen nachweisbar.

Welche Rolle spielen dabei menschliche Fähigkeiten wie kritisches Denken, Kreativität oder Urteilskraft – gerade im Vergleich zur KI?
Sie sind entscheidender denn je – weil genau hier Menschen der KI überlegen sind. KI kann Muster erkennen, Texte generieren, Daten analysieren. Aber sie kann nicht beurteilen, ob ein Ergebnis im spezifischen Kontext sinnvoll, ethisch vertretbar oder strategisch klug ist. Das erfordert Urteilskraft. Ein Beispiel aus der Sozialen Arbeit, wo die IU Internationalen Hochschule zu den größten akademischen Ausbildern gehört: KI kann Fallanalysen erstellen, aber nicht entscheiden, ob eine Intervention im konkreten Fall einer Familie angemessen ist. Das erfordert ethische Reflexion, Empathie und Führungsverantwortung – Kompetenzen, die im Studium systematisch entwickelt werden. Die neue Funktion akademischer Bildung ist deshalb nicht Wissensvermittlung allein, sondern die Entwicklung von Urteilsvermögen – der Fähigkeit zu entscheiden, was relevant, korrekt und verantwortbar ist

Wenn wir auf das Jahr 2030 blicken: Wie werden sich Kompetenzmodelle und Qualifikationsnachweise im Zeitalter von KI verändern?
Ich erwarte einen fundamentalen Wandel. Klassische Abschlusszeugnisse dokumentieren, was jemand vor Jahren gelernt hat. In einer Arbeitswelt, die sich alle paar Monate ändert, reicht das nicht. Künftig werden kontinuierliche Kompetenznachweise wichtiger: Was kann jemand aktuell? Wie entwickelt er sich weiter? Wie arbeitet sie mit neuen Technologien? Unser Framework ist genau darauf ausgelegt: Das fünfstufige Modell zeigt nicht nur eine Momentaufnahme, sondern Entwicklung. Gleichzeitig wird die Kombination entscheidend: Fachwissen bleibt unverzichtbar – aber nur zusammen mit Handlungskompetenz und reflektiertem Technologieeinsatz entsteht echter Marktwert. Ich gehe davon aus, dass solche integrierten Kompetenzmodelle Standard werden – nicht nur in Hochschulen, sondern auch in Unternehmen. Wir sind freuen uns darüber, als erste Hochschule in Deutschland einen Ansatz entwickelt zu haben, der das möglich macht.

Herr Prof. Bhattacharya vielen Dank für das Gespräch!

 

Über die IU Internationale Hochschule:

Mit rund 130.000 Studierenden ist die IU Internationale Hochschule Deutschlands größte Hochschule. Die private, staatlich anerkannte Hochschule startete 2000 und ist heute an 37 Standorten vertreten. Sie bietet flexible Studienmodelle – dual, im Fernstudium oder am Campus – und richtet sich an Studierende aus über 160 Nationen. Mit mehr als 200 Studienprogrammen im Bachelor-, Master- und MBA-Bereich verbindet die IU akademische Qualität mit klarer Praxisorientierung. Digitale Lernformate, der Einsatz von Künstlicher Intelligenz und der seit 2023 genutzte Lernbegleiter Syntea unterstützen modernes, flexibles und personalisiertes Lernen. Das Netzwerk von über 15.000 Partnerunternehmen verzahnt das Studium eng mit der beruflichen Praxis.

Weitere Infos unter: https://www.iu.de/news/fuer-die-ki-gepraegte-arbeitswelt-iu-internationale-hochschule-integriert-eigenes-kompetenzmodell-in-die-lehre/

 

Über den Interviewpartner:

Prof. Dr. Kamal Bhattacharya ist seit 2019 Prorektor für Forschung und Transfer an der IU Internationalen Hochschule sowie Professor für Informatik. Er wurde in Theoretischer Physik an der Universität Göttingen promoviert. Zuvor war er über 20 Jahre international tätig, unter anderem als VP & Director bei IBM Research, als Chief Innovation Officer bei Safaricom in Kenia, als Senior Lecturer am MIT Sloan sowie als Commissioner der Pathways for Prosperity Commission. Heute engagiert er sich im Board von World Education Services (WES).

CC BY-ND 4.0
Creative Commons Lizenz CC BY-ND 4.0