Welt im Ausnahmezustand: Warum die Konfliktherde global zunehmen

Nie seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs gab es weltweit so viele Konflikte wie heute. Große Kriege dominieren die Schlagzeilen, doch die eigentliche Dynamik entsteht in Hunderten kleiner, chronischer Gewaltzonen, die Regionen destabilisieren, Lieferketten bedrohen und geopolitische Risiken für Staaten und Unternehmen dramatisch erhöhen. Neue Daten zeigen: Das „Zeitalter der Konflikte“ hat längst begonnen.


Eine Welt, die unruhiger wird

Der langfristige Trend ist eindeutig: Die Zahl der Konflikte steigt, ihre Formen fragmentieren, und immer mehr Menschen leben in Regionen, die von Gewalt betroffen sind. Die globale Konfliktlandschaft ist heute dichter und komplexer als je zuvor.

Besonders eindrückliche Daten vier führender Konfliktforschungsinstitute unterstreichen diese Entwicklung:

  • 1 von 6 Menschen weltweit lebt in einem aktiv konfliktbetroffenen Gebiet.

  • In 168 von 234 Ländern gab es 2023 mindestens einen dokumentierten Gewaltvorfall – damit ist politische Gewalt praktisch global.

  • Der Global Peace Index 2025 zählt 59 aktive staatliche Konflikte in über 35 Ländern und spricht von der höchsten Konfliktdichte seit 1945.

Ein neuer Befund wird besonders klar: Die Welt sieht nicht nur mehr große Kriege – wie in der Ukraine, im Sudan, in Myanmar oder im Nahen Osten –, sondern vor allem ein explosionsartiges Wachstum kleiner, verstreuter Kriegsherde, die ganze Regionen destabilisieren.


Kleine Kriegsherde, große Wirkung

Während große Kriege Aufmerksamkeit erzeugen, bleiben lokale Konflikte häufig unterhalb der medialen Wahrnehmungsschwelle. Doch ihre Auswirkungen sind enorm: Sie zerstören staatliche Strukturen, behindern Investitionen, treiben Migration und verunsichern ganze Volkswirtschaften.

Neue Konfliktdaten zeigen:

  • Über 2.600 Angriffe auf lokale Amtsträger wurden 2024 in 96 Ländern registriert. Diese Angriffe reichen von Entführungen über Erpressung bis hin zu gezielten Tötungen – Ereignisse, die politisches Vertrauen untergraben und staatliche Autorität schwächen.

  • Laut SWP existieren über 450 bewaffnete Gruppen, die weltweit Territorien kontrollieren oder bestreiten – fast die Hälfte davon in Afrika, ein Fünftel im Nahen Osten.

Beispiele machen die Situation greifbar:

  • Ost-Kongo (DR Kongo): Die Rebellengruppe M23 betreibt eine Parallelverwaltung, erhebt Steuern und kontrolliert Rohstoffabbau – mit direkten Effekten auf globale Lieferketten von Kobalt und Coltan.

  • Sahelzone: Dschihadistische Gruppen errichten De-facto-Herrschaftsgebiete, schließen Schulen, zerstören Infrastruktur und kontrollieren Verkehrswege. Staaten wie Mali und Niger verlieren zunehmend territoriale Kontrolle.

  • Haiti: Ein Bandenkrieg ersetzt staatliche Strukturen. Häfen, Flughäfen und Versorgungswege liegen teils in der Hand rivalisierender Gangs.

  • Mexiko und weite Teile Lateinamerikas: Kartellgewalt erreicht in manchen Regionen das Niveau eines nicht-staatlichen Krieges, inklusive schwerer Waffen, Checkpoints und territorialer Kontrolle.

Diese Konflikte folgen einem Muster: Sie sind fragmentiert, lokal, aber persistent. Wo früher Frontlinien verliefen, existiert heute ein Mosaik bewaffneter Akteure – Milizen, Warlords, Kartelle, staatliche Sicherheitskräfte –, deren Allianzen sich ständig verändern.


Warum die Zahlen variieren – der Trend jedoch eindeutig ist

Konfliktforschung unterscheidet zwischen vielen Typen: staatlichen Konflikten, Miliz-gegen-Miliz-Gewalt, Terroranschlägen, Angriffen auf Zivilisten. Das führt dazu, dass Institute unterschiedliche Werte ausweisen.

Beispiele:

  • Das Uppsala Conflict Data Program (UCDP) zählt 61 staatlich basierte Konflikte.

  • ACLED erfasst zusätzlich politische Gewalt ohne direkte Staatsbeteiligung und kommt so auf eine vielfach höhere Zahl registrierter Gewaltevents.

Trotz unterschiedlicher Messmethoden ist der Trend eindeutig:

Wir erleben eine globale Ausweitung von Gewalt – nicht nur durch Großkriege, sondern vor allem durch Hunderte kleinteiliger, chronischer Konfliktherde, die wie Brandnester jederzeit zu regionalen Flächenbränden werden können.


Was das für Wirtschaft und Gesellschaft bedeutet

Die wachsende Zahl bewaffneter Konflikte wirkt weit über die betroffenen Regionen hinaus – auch auf europäische Unternehmen, Investoren und politische Entscheidungsträger.

Standort- und Lieferkettenrisiken:
Rohstoffe aus Konfliktregionen wie Kobalt, Gold oder seltene Erden bergen hohe Reputations- und Ausfallrisiken. Viele Konfliktregionen überschneiden sich mit global strategischen Rohstoffgebieten – besonders im Sahel und im Kongo.

Höhere Kosten für Sicherheit & Compliance:
Von Versicherungen über ESG-Anforderungen bis zu internationalen Sanktionsregimen: Steigende Komplexität bedeutet steigende Kosten.

Politische Volatilität:
Militärputsche, fragile Regierungen und zerfallende Staatlichkeit – etwa im Sahel, in Haiti oder Myanmar – erschweren langfristige Investitionsentscheidungen.

Humanitäre Folgen:
Über 200 Millionen Menschen leben in Gebieten eingeschränkter oder umstrittener Staatlichkeit mit entsprechend geringen Chancen auf Bildung, Gesundheit, Versorgung und politische Teilhabe.

Für Europa gilt: Konflikte bleiben nicht regional begrenzt. Sie beeinflussen Rohstoffpreise, Migration, Sicherheitspolitik, Inflation und Lieferkettenstabilität.


Von der Friedensdividende zur Konfliktdividende

Die Welt hat die Phase der „Friedensdividende“ der 1990er und 2000er Jahre hinter sich gelassen. Seit einigen Jahren steigen weltweit Rüstungs-, Sicherheits- und Überwachungsausgaben, während Investitionen in Prävention, Diplomatie und Institutionen stagnieren oder sinken.

Die zentrale Herausforderung lautet:

  • Konfliktrisiken realistisch bewerten,

  • Lieferketten diversifizieren,

  • und internationale Diplomatie wieder stärken, bevor aus vielen kleinen Scharmützeln die nächsten großen Kriege entstehen.

Quellen (Auswahl):

 

Text: Redaktion TREND REPORT – Lizenz: Creative Commons CC BY-ND 4.0.