Kapital: Der unsichtbare Treiber

Seit einiger Zeit ist mit Blick auf den für die Wirtschaft unverzichtbaren Wachstumsfaktor Kapital ein Para­digmenwechsel zu beobachten.

Keine Frage – die Beschaffung von Kapital ist in den vergangenen Jahren nach der Finanzkrise schwieriger geworden. Dies auch, weil sich die Regierungen bemüht sahen, die über Jahre hinweg ungehemmt durch die Welt irrenden und wabernden Finanzmärkte stärker an die Kandare zu nehmen. Mit der so genannten Regelung MiFID II, die die Transparenz und Kontrolle der Finanzmärkte erhöhen soll, wurde die Zahl der von Handelsvorschriften erfassten Märkte und Finanzinstrumente erhöht und so sichergestellt, dass der Handel auf regulierten Plattformen stattfindet. Wegen des Sammelns von riesigen Datenmengen hat all das den freien Zugang zu Kapital erschwert und damit auch verteuert. Seit einiger Zeit ist mit Blick auf den für die Wirtschaft unverzichtbaren Wachs­tumsfaktor Kapital ein Paradigmenwechsel zu beobachten. Das gilt bei der Bereitstellung von Kapital sowohl mit Blick auf die Kapitalgeber als auch die gewählten Finanzierungsinstrumente und nicht zuletzt auch für die Beschaffungs- und Handelsplattformen. In den vergangenen Dekaden stellten institutionelle und private Anleger entweder direkt oder über Banken sowohl Staaten als auch privaten Emittenten das notwendige Kapital zur Verfügung. Nachdem Notenbanken ihre Nullzins-Politik durchgesetzt haben, schlief das Interesse der privaten Anlegergruppen an Anleihen ein. Als „lender of last resort“ kamen in der Folge die Notenbanken ins Spiel, die durch den Rückkauf von Anleihen über die Jahre hinweg „künstliches Geld“ – über ein Schneeballsystem, in dem Zinsen und Tilgungen durch die Emission neuer Anleihen finanziert werden – kreiert haben.

Einen Wandel gibt es derzeit auch in der Vermittler-Rolle an Kapitalmärk­ten. Heute fokussiert sich das Geschäft nicht mehr allein auf Banken und Börsen, sondern vielmehr auf neue Vermittler und Plattformen wie z. B auf die Methode des Crowdfunding. Auffallend ist auch die enorme Innovationskraft; denn mit Blick sowohl auf die Vielfalt der Finanzierungsinstrumente als auch der Beschaffungs-Plattformen gibt es auf dem Weg in das Ökonomie-Zeitalter der Digitalisierung 4.0 über viel Kreatives zu berichten.
Dieses dem Tode geweihte System bringt nicht nur die Schuldner in die Bredouille. Prosperität war also gestern – jetzt droht die Flaute. Im deutschen Mittelstand greift der Pessimismus angesichts der Finanzmarkt-Turbulenzen und der offenen Europa-Fragen – u. a. im Zusammenhang mit der Brexit-Dis­kussion – verstärkt um sich, warnt jetzt die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). Die Wirtschaft ist also gezwungen, sich nach neuen Finanzierungsmöglichkeiten umzuschauen und moderne innovative Finanzierungsformen zu erschließen. Nachdem Banken sehr viele Probleme nicht nur mit sich selbst, sondern auch mit den Regulatoren haben, tun sich im Umfeld der Banken im Digitalisierungs-Zeitalter neue Nischen auf. Hier bewegen sich in der FinTech-Branche findige Geister und ermöglichen die Beschaffung frischen Kapitals durch Private Equity, Venture Capital, Mezzanine- und Crowd-Financing.

EU-Trends

Kapitalmarktunion

Die Kapitalmarktunion ist ein Vorhaben der Europäischen Kommission mit dem Ziel, in Europa Kapital zu erschließen. Dieses Kapital wird allen Unternehmen, einschließlich KMU, sowie Infrastrukturvorhaben zufließen, die Kapital benötigen, um zu expandieren und Arbeitsplätze zu schaffen. Indem Sparvermögen mit Wachstumschancen zusammengebracht werden, wird die Kapitalmarktunion Sparern und Investoren neue Möglichkeiten eröffnen.

trendreport.de/kapitalmarktunion

Die „Finanzierung 4.0“ fordert neue strategische Denkansätze. Heute sind bei der Kapitalbeschaffung nicht nur der globale Ansatz, sondern auch eine hohe Finanzierungsvielfalt sowie gekonntes Risikomanagement gefragt. Die Politik hat inzwischen sehr wohl erkannt, dass der in der Vergangenheit verfolgte Weg in die Irre geführt hat. Unter Einschaltung der Börse will zum Beispiel das Bundeswirtschaftsministerium in Berlin die Wachstumsfinanzierung nach­haltig vorantreiben.

Es hat lange gedauert. Jetzt scheint die Berliner Regierung typisch deutsche Schwächen in der Wachstumsfinanzierung – die fehlende Risikobereitschaft der Anleger – erkannt zu haben. Im Rahmen einer Tagung der Initiative „Mehr Börsengänge von jungen Wachs­tumsunternehmen in Deutsch­land“ wurde von den Teilnehmern – Susanne Klatten (UnternehmerTUM GmbH), Sigmar Gabriel (Bundesminister für Wirtschaft und Energie), Andreas Preuß (Deutsche Börse AG) und Jürgen Fitschen (Deutsche Bank AG) – nach Lösungen gesucht. „Deutschland wird dem Anspruch einer modernen, innovativen Industrienation nicht gerecht“, übte Bun­deswirtschaftsminister Sigmar Gabriel dabei eine Art Selbstkritik. Der Börsenstandort Deutschland soll sich daher zum Ziel setzen, pro Jahr durchschnittlich 15 bis 20 Börsengänge von Wachstumsfirmen zu realisieren.
Andreas Preuss, Vorstandsmitglied der Deutschen Börse AG, nennt die Dinge beim Namen: „Das unzureichende Angebot an Wagniskapital ist die signifikanteste Schwäche des deutschen Innovations- und Wachstumssystems“, erklärte er. In Berlin waren sich alle Beteiligten einig: „Der Börse kommt bei der Finanzierung junger Start-ups eine ganz entscheidende Rolle zu.“ Der Blick war dabei nicht zuletzt in die USA gerichtet, wo sich in den vergangenen Dekaden praktisch alle erfolgreichen Tech-Unternehmen aus Silicon Valley über US-Börsen wie NYSE oder Nasdaq das notwendige Wachstumskapital beschafft haben. Dass die Bundesregierung in den vergangenen Jahren nach dem Zusammenbruch des so genannten „Neuen Marktes“ geschlafen und sie der Wirtschaft mit ihrer eigenen Schuldenpolitik den Weg in die falsche Richtung gewiesen hat, erwähnte Sigmar Gabriel nicht. Ein konkreter Ausweg ist u. a. in einer neuen „Taskforce IPO“ zu sehen, die Teil der erwähnten Initiative ist. Deren Aufgabe soll es sein, ausgewählte potenziell börsenreife Wachstumsunternehmen in Deutschland zu identifizieren und proaktiv zu kontaktieren. Die Taskforce soll einen jährlichen Austausch mit ausgewählten Börsenkandidaten organisieren. Denn gerade in der Wachstumsphase junger innovativer Unternehmen – als „Later Stage“ bezeichnet – herrscht nicht selten eine große Kluft zwischen Angebot und Nachfrage an Beteiligungskapital.

In einer zwischen „alten Industrien“ und „Digitalisierung 4.0“ schwebenden Weltwirt­schaft geht es also im Kern um die Finanzierung von Ideen.

Als vielversprechender Börsenkandidat gilt die FCR Immobilien AG, deren Geschäftsmodell einer einfachen Logik folgt: „Wir kaufen Immobilienobjekte in einer Größe von 1 bis 10 Mio. € in kleinen bis mittelgroßen Städten aufgrund unseres exzellenten Netzwerkes mit besten Kontakten zu Banken, Immobilienmaklern und Fondsgesellschaften außergewöhnlich günstig ein und erzielen dadurch außergewöhnlich hohe Renditen“, erklärt das Unternehmen. Zuletzt hat FCR Einkaufszentren in Rangsdorf und Hoyerswerda erworben. Getreu dem Motto „Im Einkauf liegt der Gewinn“ fokussiert sich die FCR Immobilien AG auf Objekte, die einem starken Verkaufsdruck, z.B. durch Insolvenz- und Abvermarktungssituationen, unterliegen. Kommt dem Unternehmen im Falle eines Börsenganges die geplante Kapitalmarktunion entgegen? „Generell ist die Kapitalmarktunion mit dem Ziel, KMUs weitere Finanzierungsmöglichkeiten zu eröffnen, ein Schritt in die richtige Richtung“, heißt es bei FCR. Im Jahr 2016 sollten entscheidende Hürden auf europäischer Ebene genommen werden, um die Voraussetzungen für die in 2019 avisierte Kapitalmarktunion zu schaffen, so die Hoffnung. „Wir selbst planen den Börsengang aber bereits bis Ende 2017“, heißt es in diesem Kontext. In einer zwischen „alten Industrien“ und „Digitalisierung 4.0“ schwebenden Weltwirt­schaft geht es also im Kern um die Finanzierung von Ideen. Denn das, was die Welt im Anschluss an eine in den etablierten „alten Branchen“ möglich erschei­nende neue Wirtschaftskrise benötigt, sind neue, auf moderner Digitalisier­ungstechnologie und innovativen Ideen ba­sierende Wachstumsimpulse. Hier kommt dann auch die Private-Equity-Branche ins Spiel, die das notwendige Kapital zur Verfügung stellen sollte. Doch auch die Akteure im Private-Equity- und Venture-Capital-Markt müssen er­kennen, dass sich die Zeiten geändert haben. Selbst große Adressen wie Carlyle stoßen bei Banken auf Widerstand.
Die Kapitalbeschaffung für den Mittelstand – den Träger der deutschen Volkswirtschaft – ist also schwierig. Gleichzeitig sehen sich viele Unternehmen mit erhöhtem Finanzierungsbedarf konfrontiert, weil sie nur so die Wettbewerbsfähigkeit halten oder steigern können. Daher nutzt der Mittelstand die Möglichkeiten des Factorings immer stärker.

Wie nur selten zuvor hat Factoring im vergangenen Jahr daher einen immensen Aufschwung erfahren. Im ersten Halbjahr 2015 wurde in Deutschland ein Rekord-Forderungsvolumen von 100,5 Mrd. € bewegt – das entspricht einem Plus von elf Prozent“, sagt Thors­ten Klindworth, Gründer und Vorstandsvorsitzender der A.B.S. Global Factoring AG. Neben anstehenden Ablösungen und Refinanzierungen ausgelaufener Mezzanine-Programme erschweren fällige Anleihen die Finanzierung von Innovationen. Factoring – also der laufende Verkauf offener Forderungen an einen Factor – bietet in diesem Kon­text eine interessante Finanzierungsalternative. Denn Unternehmen wird sofortige Liquidität und Schutz vor Zahlungsausfällen geboten.

Autor:
Udo Rettberg

Bildquelle / Lizenz: flickr.com: Jorge Láscar; Veröffentlicht unter: https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/

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