Gerd Leonhard, Futurist

Gerd Leonhard über die vernetzte Gesellschaft

Die Redaktion sprach mit Gerd Leonhard, Futurist, Zukunftsberater, internationaler Keynote-Speaker und Strategie-Coach, Autor und CEO von

„The Futures Agency“

über die vernetzte Gesellschaft, der Entwicklung hin zu Hypereffizienz und den damit möglichen Auswirkung auf unser Leben, unser Arbeiten, die Industrie und die Finanzmärkte.

 

Herr Leonhard, wie wird sich das Einkaufen in Zukunft gestalten?
In Zukunft wird zum Großteil alles Computing mobil sein. Ungefähr in fünf Jahren werden 80 Prozent aller Internetzugriffe von mobilen Endgeräten aus erfolgen. Dieser radikale Wandel ist bereits jetzt zu sehen: Diverse E-Commerce-Applikationen wie z.B. bei Amazon lassen das jetzt schon erahnen.

Wo wir heute noch ganz bescheiden, klassische Apps und Search-Engines nutzen um Waren ausfindig zu machen, werden zukünftig sprachgestütze Intelligent Agents für uns aktiv sein. Diese virtuellen Agenten, z.B. google.now oder Siri, denen eine Datenbasis zu Grunde liegt, kennen mich und meine Vorlieben in allen Details. Ob das nun gut oder schlecht ist, liegt im Auge des Betrachters.

Jedoch mit einem einfachen Satz wie, „Was empfiehlst du mir heute?“, findet die künstliche Intelligenz in Form dieser Agents den besten Deal für mich und erledigt meinen Einkauf. Diese Transaktionen werden in naher Zukunft völlig automatisiert ablaufen. Bereits jetzt beginnen alle großen E-Commerce und IT-Firmen in den USA, diese sog. Intelligence Digital Assistants, kurz IDA’s im B2B und B2C -Bereich einzusetzen.

Lassen Sie uns in die nahe Zukunft blicken: Sie sagen zu Siri: „Buche mir ein Ticket nach Mallorca, ein Hotel und den Mietwagen“. 15 Sekunden später ist der beste Deal gemacht! In den nächsten zwei Jahren wird man diese Vorgehensweise punktuell im Einsatz beobachten können und in fünf Jahren wird es Standard sein.

Die Shopping Agents, werden „convenient for consumers“, also angenehm und praktisch für Konsumenten. Der Virtuelle Agent kann eben 5 Millionen Datastreams rasant schnell durch klicken und aussagen, was jetzt gerade angesagt ist.

Wann wird uns die künstliche Intelligenz im täglichen Leben begleiten?
Erst mal muss man zwischen zwei Dingen unterscheiden. Einmal die AI, die Artificial Intelligence und dann die IA, die Intelligence Assistence.

Intelligence Assistence wird heute schon limitiert eingesetzt. Beispielsweise im Tesla; mit der dort eingesetzten IA, können sie sich bereits heute im Stau selbst fahren lassen. Aber nur im Stau und nur auf einer Spur, eben eine eingeschränkte Unterstützung.

Ein weiteres Beispiel für angewandte IA ist Watson von IBM, der z.B. im Krankenhaus eingesetzt wird. Der Arzt nutzt IBM’s Watson wie eine Art Powertool, ein superintelligenter Zeuge, der ihm bei der Diagnosestellung unterstützt.

Auch im B2B Bereich sind z.B. Tools für Banking, die automatisch Daten holen und weiterverarbeiten, heute schon im Einsatz und es werden immer schneller weitere kommen.

Artificial Intelligence hingegen, also richtige künstliche Intelligenz ist noch sehr weit entfernt. Die Art von „Cognitive Computing“, sprich Computer die Entscheidungen treffen können, die über ihre Programmierung hinaus gehen.

Ein Beispiel: Sie fahren mit dem selbstfahrenden Auto in die Eifel und begegnen einem Hasen. Jetzt muss das Auto entscheiden, ob es den Hasen überfährt oder anhält. Hier wird deutlich, dass es in diesem Kontext um viel mehr geht, da es sich um ethische Entscheidungen handelt.

Das benötigt komplexe Zugriffe, um Sprache, Bilder und Gesten zu interpretieren – nicht nur zu lesen, sondern eben auch zu verstehen. In diesem Bereich werden wir frühestens in fünf Jahren erste ernsthafte Produkte und Lösungen sehen. Hinzu kommen ethische Bedenken, ob und in wieweit man Maschinen überhaupt erlauben kann, solche Entscheidungen zu treffen.

Eine andere Problematik zeigt sich am Beispiel Watson. Die menschliche Interaktion ist reduziert auf die vorhandenen Daten, mit denen das System versorgt ist. Soll heißen: Daten die Watson nicht zur Verfügung stehen, kann er auch nicht nutzen und verarbeiten.

Beispielsweise, welche Gefühle habe ich bei dieser Transaktion oder welche anderen Werte habe ich, die evtl. nicht algorhythmisch auszudrücken sind. Gefahr droht auch, wenn wir beginnen, auf Artificial Intelligence Systems zu vertrauen ohne zu Hinterfragen. Ergebnisse und Empfehlungen solcher Maschinen entsprechen nie 100% der Realität.

Beispiel: Wer, genetisch gesehen, könnte mein nächster Heiratspartner werden? Bei der Beantwortung dieser Frage werden menschliche Zusammenhänge jedoch nicht berücksichtigt, da sie nicht gelesen werden können.

Fehlende Daten dieser Art können eine Gefahr für alle möglichen Anwendungen darstellen. Obwohl sich Google und Facebook das Ziel gesetzt haben, selbstständiges Denken mittels der „Global Brain“ zu ersetzten, denke ich, ein Artificial Intelligence System sollte immer unterstützend bleiben.

Wir wird sich das „Internet of Things“ in naher Zukunft auf unsere europäische Gesellschaft auswirken?
Für eine Weile wird sich das IoT sehr positiv auf unsere Gesellschaft auswirken, da es eine Art von „Hypereffizienz“ mit sich bringt. Wenn wir alles vernetzen und dadurch mehr wissen, können wir besser antworten. Wir können schneller reagieren, wir können die Preise senken, wir können einfach effizienter sein. Das ist ganz klar der Fall in den datenintensiven Bereichen der Energie, bei Smart Cities und Transportation. Im B2B, in den Bereichen der Logistik, Transport und Procurement könnten durch Kollaboration und Vernetzung der Logistik-Systeme bis zu 50% der Kosten eingespart werden, ca. 100 Milliarden – eine gigantische Summe.

Aber wir haben natürlich enorme Security- und Safety-Probleme, bei all den vorkommenden Daten, die zum einen unreguliert, zum anderen ohne viel Aufsehens benutzt werden. Ich meine damit nicht die Sicherheit im technischen Sinn, sondern fehlende Standards. Solche Regeln und Normen würden verdeutlichen, wem Daten gehören, wie sie genutzt werden dürfen und wer diese Informationen kontrolliert. Ohne solche Standards sind große Probleme abzusehen.

Darüber hinaus werden wir in ca. 5 – 7 Jahren an den Punkt kommen, wo jegliches Business effizient ist und dadurch nichts besonderes mehr ist. Unternehmen die in Sachen IoT heute die Nase vorne haben und diese technischen Innovationen für sich nutzen, können damit noch punkten.

In 5 – 10 Jahren kann keiner mehr von sich sagen, dass er „effizienter“ oder billiger ist, weil alle diesen Stand erreicht haben werden. Das resultiert in Überfluss! Dieser Überfluss führt zu enormen Preissenkungen und wirkt sich dramatisch auf Firmen und Branchen aus. Deutlich wird das schon heute in der Musikbranche. Mittlerweile wird das Medium CD von Spotify überholt und führte zu Preissenkungen von 95%.

Das ist eine sehr realistische Folge von Hypereffizienz, die es zu beobachten und zu analysieren gilt. Wir müssen uns fragen, welche neuen Werte wir schaffen können, außer nur effizient zu sein, denn diese Eigenschaft wird langfristig nicht mehr zählen.

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Wird das demokratische Unternehmen den Siegeszug antreten?
HR-Bereiche entwickeln sich mehr hin zu einem People-Management. Unternehmen sind dann nicht mehr nur Verwaltungen, sondern setzen mehr auf Science und Bildung. Letztendlich geht es nur um zwei Dinge in der Zukunft: einmal Technologien und Engineering. Aber der andere Aspekt ist Humanity, also grundlegende Themen wie Ethik, Werte, Intuition und Erfindungsgabe.

Arbeitsbereiche werden sich neu verteilen. Es wird Maschinen geben, die einen Großteil der heutigen Arbeit für uns übernehmen werden, wie z.B. logistische, wiederkehrende Prozesse in Unternehmen. Durch diese freigesetzten Potenziale müssen unsere Mitarbeiter einfach kreativer werden, sich weiterentwickeln und vielleicht lateral denken können, nicht mehr nur einfach Techniker sein.

Ein gutes Change-Management wird wichtiger denn je, um Mitarbeiter durch diese kommenden Veränderungen zu lenken und zu führen. Mit Schmerzen und Liebe werden sich diese Änderungsprozesse vollziehen. Schmerzlich, weil ältere Mitarbeiter den Umgang mit neuen Techniken und Tools nicht mehr erlernen können, den Anschluss verlieren und abspringen.

Durch die zunehmende Automatisierung wird der Druck auf alle Mitarbeiter eines Unternehmens enorm anwachsen, schon in den nächsten fünf Jahren. Hat man früher den Mitarbeiter als eine Produktivitätsmaschine gesehen und behandelt, wäre man in Zukunft gut beraten, den Mitarbeiter im Bewusstsein zu stärken, wieder mehr Mensch als Maschine zu sein. Was wir wirklich brauchen werden, sind Leute die Idee haben, die hinterfragen, die kreativ sind, vorausschauend denken, denn das können Maschinen nicht.

Dementsprechend muss ihnen auch der Freiraum hierfür gegeben werden. Wer hier auf Einsparung durch Stellenabbau setzt, verfehlt das Ziel, gewonnenes Potenzial gewinnbringend einzusetzen. Beispielsweise Ärzte, die Watson benutzen um Diagnosen zu stellen und dadurch sehr viel mehr Zeit gewinnen. Wird ihnen jedoch diese gewonnene Zeit nicht für ihre Patienten gegeben, geht ein eigentlich positiver Effekt verloren.

Übrigens: SLACK ist eines dieser neuen Tools, das ich bei einigen Firmen im Einsatz erlebt habe. SLACK bietet Firmen modernes Content-Management, Real-Time-Messaging und Search-Funktionen durch die Teams und Arbeitsgruppen intern kollaborieren.

Wie sieht unser Arbeitsverhalten in Zukunft aus?
Mittel- und langfristig werden wir weniger Arbeiten als heute. Technologien werden uns einerseits befreien, andererseits jedoch mehr Druck erzeugen, da wir menschlich bedeutungsvoller werden. Wahrscheinlich werden insgesamt weniger Menschen in den Firmen beschäftigt sein, eben bedingt durch die Technologien.

Wiederrum werden mehr von ihnen eigene Unternehmungen gründen und selbstständig agieren. Ich denke, es kann durchaus sein, dass wir in zwanzig Jahren dadurch auch zum bedingungslosen Grundeinkommen kommen. Sprich wir verdienen unser Geld ohne dies notwendigerweise von der Arbeit abzuleiten.

Heute definieren wir uns standardgemäß noch durch und über Arbeit und Leistung, allen voran Männer. In 10 – 15 Jahren wird sich dieses Fenster, so glaube ich, schließen. Einfach auf Grund des Überflusses, der dann vorhanden sein wird. Die Bedeutung der Arbeit wird auf einem anderen Wertesystem als Grundlage neu bemessen werden. Das wir zukünftig weniger Arbeiten werden, ist ziemlich sicher. Heute arbeiten wir jedoch noch mehr, auf Grund der Technologie, die eben noch nicht intelligent ist.

Wird nachhaltiges Investieren zum Trend oder ist es schon ein Trend?

Insgesamt sieht man einen Wandel in der Gesellschaft, in der dieser heute extreme Kapitalismus, der nur auf Gewinn ausgerichtet ist, nicht mehr funktionieren wird. Wir sehen heute schon, dass sich der „Circular Approach“, der sogenannten Triple Bottom Line People, dramatisch schnell verbreitet. (Tripple Bottom Line People bezeichnet Menschen und Führungskräfte, die Abkehren von einer reinen Profitorientierung hin zu mehr ökonomischen, ökologischen und sozialen Mehrwerten. Anm. der Redaktion)

Viele Unternehmen, wie z.B. Google, sagen: „Wir müssen darauf achten, dass das, was wir nehmen auch wieder zurückgegeben werden muss.“ Die Börse wird diese Entwicklung in den kommenden Jahren sicher widerspiegeln. Ähnlich wie heute der TecDax, wird es eine Börse geben, die nur nachhaltige, auf Basis dieser Tripple Bottom Line, agierenden Unternehmen zulässt. (Unternehmen, die das Konzept verfolgen, mit ihrem Kerngeschäft zu einer nachhaltigen Entwicklung beizutragen, die Lebensgrundlage künftiger Generationen sicherzustellen und mehr soziale Gerechtigkeit zwischen Industrieländern und Ländern der Dritten Welt zu bewirken. Anm. der Redaktion)

Eine Börse, die ganz andere Regeln, Grundsätze und Beziehungen von Unternehmen fordert. Bei dieser neuen separaten Börse wird deutlich, dass der heutige Maßstab bezüglich Return und Dividende weit weniger wichtig sein wird, wie an den bisher bestehenden Börsen, die Firmen listen, für die Sustainability an erster Stelle steht. Unternehmen, die sich weiterhin nur nach Profit und Wachstum ausrichten, werden von Investoren bestraft. Das wird in den nächsten 5 Jahren erreicht werden, dass lässt sich jetzt schon abschätzen.

Was halten Sie von Jeremy Rifkins Buch „Ende des Kapitalismus“ und wie sehen Sie zukünftige Entwicklungen in diesem Kontext?
Es gibt keine wirkliche Alternative, aber dieser harte Kapitalismus, Profit und Wachstum, das wird enden. Der vorher erwähnte „Circular Approach“ verbreitet sich sehr schnell.

Ich denke es entwickelt sich hin zu einer Art von“ Sustainable Capitalism“, man sagt auch „Natural Capitalism“, eine Art von Mischform – wie eine Art sozialistischer Grundgedanke.

Grundlagen hierfür sind der zu erwartende Überfluss: alles wird billiger – ergo ist auch weniger Geld notwendig. Die Logik des Systems wird sich auf Grund der Technologie ändern. Ich glaube nicht das es ein Negativum gibt, einfach nur eine grundlegende Änderung des Gesamtbildes des Wirtschaftssystems.

 

Herr Leonhard, vielen Dank für das Gespräch!

http://www.gerdleonhard.de/

Weitere Informationen unter:

Bildquelle Aufmacher: „Futurist Speaker Gerd Leonhard“ (CC BY-NC-ND 2.0) by  gleonhard 

 

 

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