Autoindustrie: Warum bis 2035 weitere 125.000 Jobs verloren gehen könnten
Die deutsche Autoindustrie steht vor einem der größten Umbrüche ihrer Geschichte. Der Verband der Automobilindustrie (VDA) rechnet inzwischen damit, dass bis zum Jahr 2035 weitere 125.000 Arbeitsplätze verloren gehen könnten. Zusammen mit den bereits seit 2019 weggefallenen Stellen würde sich der Beschäftigungsabbau damit auf rund 225.000 Jobs summieren. Besonders betroffen wären Zulieferer und mittelständische Industrieunternehmen.
Der Hintergrund ist vor allem der tiefgreifende Wandel vom klassischen Verbrennungsmotor hin zur Elektromobilität. Während ein Verbrenner aus tausenden Einzelteilen besteht, benötigen Elektrofahrzeuge deutlich weniger mechanische Komponenten. Genau dort liegt das Problem: Viele deutsche Zulieferbetriebe leben seit Jahrzehnten von Motorentechnik, Getrieben, Abgasanlagen oder Einspritzsystemen. Fällt diese Technik weg, verschwinden auch ganze Produktionsbereiche.
Hinzu kommt ein weiterer Trend, der in Deutschland zunehmend kritisch diskutiert wird: Immer mehr neue Werke und Investitionen entstehen außerhalb Deutschlands. Besonders Osteuropa entwickelt sich für deutsche Autobauer zu einem zentralen Produktionsstandort. BMW baut in Debrecen in Ungarn eines seiner modernsten Werke überhaupt auf. Dort soll unter anderem die neue Elektroplattform „Neue Klasse“ produziert werden. Die Fabrik gilt als digitales Vorzeigeprojekt für die nächste Generation der BMW-Produktion.
Auch Mercedes-Benz verlagert Teile seiner Produktion nach Ungarn. So soll die Fertigung der A-Klasse künftig stärker im Werk Kecskemét stattfinden. Hintergrund sind niedrigere Produktionskosten und flexiblere Fertigungsstrukturen außerhalb Deutschlands.
Ungarn hat sich in den vergangenen Jahren gezielt als Zentrum der europäischen Elektroauto-Industrie positioniert. Neben BMW und Mercedes investieren dort inzwischen auch Audi, BYD sowie große Batteriehersteller wie CATL massiv in neue Fabriken. Die Kombination aus niedrigeren Lohnkosten, staatlicher Förderung, schneller Genehmigungspolitik und wachsender Batterieproduktion macht den Standort für viele Konzerne attraktiv.
Für Deutschland ist diese Entwicklung problematisch. Zwar bleiben Forschung, Entwicklung und hochwertige Ingenieursleistungen häufig noch im Inland, doch immer größere Teile der industriellen Wertschöpfung wandern ab. Besonders Regionen mit starker Zulieferindustrie könnten dadurch unter erheblichen Druck geraten.
Gleichzeitig verändert sich die gesamte Wertschöpfungskette der Mobilität. Fahrzeuge werden zunehmend zu vernetzten digitalen Plattformen. Software, Sensorik, KI-Systeme und autonome Funktionen gewinnen an Bedeutung. Für klassische Fertigungsberufe bedeutet das eine massive Veränderung der Anforderungen. Der Wandel betrifft deshalb längst nicht mehr nur Autobauer, sondern ganze Regionen, Ausbildungswege und industrielle Ökosysteme.
Die kommenden Jahre dürften daher entscheidend werden. Die zentrale Frage lautet nicht mehr nur, welche Autos künftig gebaut werden, sondern auch, ob Deutschland seine industrielle Stärke in Zeiten von Elektromobilität, KI und globaler Standortkonkurrenz überhaupt halten kann.
CC BY-ND 4.0
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