Zuwanderung in Deutschlands Niedriglohn-Sektor steuern – aktuelle Forschungserkenntnisse
- Interview mit Prof. Zainab Iftikhar, EPoS Economic Research Center
- Ökonomin rät, Chancen für höhere Einkommen im Niedriglohn-Bereich zu schaffen
Bonn, Mannheim, 15.12.2025 – Die Aufnahme einer großen Zahl gering qualifizierter Arbeitnehmer in den deutschen Arbeitsmarkt könnte die Ungleichheit bei den Einkommen nach Auffassung von Ökonomen verstärken: Sie erwarten, dass die Einkünfte von Beschäftigten im Niedriglohnsektor sinken, während Hochqualifizierte mehr verdienen. Sowohl für deutsche als auch zugewanderte Arbeitnehmer seien Chancen der Einkommensverbesserung nötig, etwa durch Qualifizierung und Hilfe zur Gründung kleiner Unternehmen, sodass die deutsche Wirtschaft insgesamt profitiert. Diese Empfehlungen beruhen auf einer Studie des EPoS Economic Research Centers der Universitäten Bonn und Mannheim, die im Diskussionspapier “Problem or opportunity? Immigration, job search, entrepreneurship and labor market outcomes of natives in Germany” veröffentlicht wird.
Frau Iftikhar, Sie haben die Auswirkungen einer Zuwanderungswelle in den deutschen Niedriglohnsektor untersucht – mit welchen Ergebnissen?
Zainab Iftikhar: In unserer Untersuchung gehen wir davon aus, dass Migranten, die nach Deutschland kommen, keine Berechtigung für ein Hochschulstudium haben und sofort arbeiten dürfen. Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass eine Einwanderungswelle mit gering qualifizierten Arbeitskräften – vergleichbar mit der Zuwanderung zwischen 2012 und 2017 – den Wettbewerb unter geringqualifizierten Arbeitskräften verschärft und die Löhne in dieser Gruppe um 1,2 Prozent sinken. Die Beschäftigten in diesem Segment haben einen Bruttolohn pro Arbeitnehmer von durchschnittlich etwa 38.400 Euro pro Jahr und von 3.200 Euro pro Monat. Nach unseren Berechnungen wäre von einem jährlichen Lohnrückgang um etwa 461 Euro, also etwa 1,2 Prozent, auszugehen. Für unsere Analyse haben wir Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) herangezogen, der größten multidisziplinären Langzeitpanelstudie in Deutschland.
Welche Auswirkungen erwarten Sie auf die Gruppe der höher Qualifizierten?
Zainab Iftikhar: Unsere Ergebnisse legen nahe, dass hochqualifizierte Arbeitnehmer profitieren dürften. Im Durchschnitt könnten die Löhne in dieser Einkommensgruppe um etwa 1,4 Prozent steigen. Ausgehend von einem jährlichen Bruttoarbeitseinkommen von 55.200 Euro, oder 4.600 Euro pro Monat und Arbeitnehmer, würde die Migration zu einem Anstieg von etwa 773 Euro pro Jahr führen.
Wie würde sich das auf die Einkommensschere auswirken?
Zainab Iftikhar: Auf individueller Ebene mögen die Gewinne und Verluste nicht besonders groß erscheinen. Sie können jedoch in der Gesellschaft in der Summe zu beachtlichen Veränderungen führen. Ausgehend von etwa 30 Millionen Geringqualifizierten in Deutschland beliefe sich der jährliche Verlust auf 14 Milliarden Euro. Die Gewinne in der Gruppe der Hochqualifizierten (etwa 16 Millionen) würden 12 Milliarden Euro betragen. Wir sehen, dass Einkommen von der unteren zur höheren Einkommensgruppe verschoben wird. Eine solche Entwicklung könnte einwanderungsfeindliche Ressentiments schüren. Politische Entscheidungsträger sollten einer Öffnung der Einkommensschere entgegensteuern, wenn sie dies vermeiden wollen.
Wie können Entscheidungsträger die unteren Einkommensgruppen unterstützen?
Zainab Iftikhar: Ausbildungsprogramme für gering qualifizierte Arbeitnehmer sind hier ein wirksames Mittel. Diese sollten nicht nur für deutsche Arbeitnehmer aufgelegt werden. Sobald die nötigen Sprachkenntnisse vorhanden sind, sollten auch Migranten an entsprechenden Programmen teilnehmen, die sich nach der Nachfrage auf dem deutschen Arbeitsmarkt richten.
Darüber hinaus sollten sowohl Migranten als auch deutsche Arbeitnehmer dabei unterstützt werden, sich selbstständig zu machen oder kleine Unternehmen zu gründen – beispielsweise durch zinsgünstige Darlehen. Das verbessert die Beschäftigungsmöglichkeiten im Niedriglohnbereich und ermöglicht Einkommenssteigerungen. Davon würde die deutsche Wirtschaft insgesamt profitieren.
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Das vorgestellte Diskussionspapier ist eine Publikation des Sonderforschungsbereichs (SFB) Transregio 224 EPoS. Die vollständige Studie finden Sie hier: https://www.crctr224.de/research/discussion-papers/archive/dp714
Eine Liste aller Diskussionspapiere des SFB finden Sie hier: https://www.crctr224.de/research/discussion-papers.
Autorinnen
Zainab Iftikhar, Professorin für Volkswirtschaftslehre, Universität Bonn und Mitglied des EPoS Economic Research Center
Anna Zaharieva, Professorin für Volkswirtschaftslehre, Universität Bielefeld
Der Sonderforschungsbereich Transregio 224 EPoS
Der 2018 eingerichtete Sonderforschungsbereich Transregio 224 EPoS, eine Kooperation der Universität Bonn und der Universität Mannheim, ist eine langfristig angelegte Forschungseinrichtung, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert wird. EPoS befasst sich mit drei zentralen gesellschaftlichen Herausforderungen: Wie kann Chancengleichheit gefördert werden? Wie können Märkte angesichts der Internationalisierung und Digitalisierung der Wirtschaftstätigkeit reguliert werden? Und wie kann die Stabilität des Finanzsystems gesichert werden?












