Wie USA und China die nächste Ära der Raumfahrt prägen
Der Mond ist zurück im Zentrum der Weltpolitik – nicht als romantisches Symbol, sondern als strategische Plattform für Technologie, Rohstoffe, militärische Sicherheit und die Vorbereitung künftiger Marsmissionen. Nach Jahrzehnten relativer Ruhe ist ein neuer Wettlauf entbrannt: Die USA wollen mit dem Artemis-Programm eine dauerhafte Präsenz am Mond aufbauen. China verfolgt parallel einen ambitionierten Plan, der auf eine bemannte Mondlandung bis 2030 und eine internationale Forschungsstation am Südpol hinausläuft. Europa – und dabei insbesondere Deutschland – positioniert sich mit Trainings- und Robotikprojekten als Enabler dieser Entwicklung.
Dabei hat sich das Ziel verschoben: Es geht nicht nur um „Flagge zeigen“, sondern um die Frage, wer zuerst eine funktionierende Infrastruktur auf dem Mond etabliert: Energie, Kommunikation, Transport, Rohstoffgewinnung – und schließlich eine Station, die Menschen längerfristig versorgen kann.
Die Zeitpläne: Wann wollen USA und China zum Mond?
USA / NASA (Artemis)
Die USA setzen auf eine Missionsfolge, die Schritt für Schritt vom Mondorbit zur Landung und später zur Basis führt:
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Artemis II: erster bemannter Flug um den Mond (ohne Landung), von NASA aktuell auf Anfang 2026 terminiert.
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Artemis III: geplante erste bemannte Mondlandung der neuen Ära – Ziel laut NASA 2027/2028, mit Landung in der Südpolregion.
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Artemis IV: Ausbau der Infrastruktur (u. a. Gateway-Komponenten) und weitere Landung – derzeit für 2028 vorgesehen.
Die zentrale Logik: Erst sichere Transportketten und Systeme testen, dann am Südpol landen, anschließend dauerhaft werden – mit regelmäßigen Missionen, Versorgung und wissenschaftlicher Nutzung.
China / CNSA (mit ILRS-Programm)
China kommuniziert seit Jahren sehr klar, wohin die Reise geht:
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Bemannte Mondlandung bis 2030 (offiziell angekündigt).
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Parallel entstehen die Bausteine einer International Lunar Research Station (ILRS) – mit dem Ziel eines „Basis-Modells“ bis 2035 am Südpol.
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Missionen wie Chang’e-7 (späte 2026) und Chang’e-8 (um 2028) sind als Vorläufer für Wasser-/Rohstofferkundung und Technologie-Demonstratoren angelegt.
Damit entsteht ein geopolitischer Wettbewerb mit zwei unterschiedlichen Stärken: Die USA setzen stark auf ein internationales Partnernetzwerk (u. a. Artemis Accords), China auf hohe Umsetzungsgeschwindigkeit und ein langfristiges Infrastrukturziel.
Mondtraining auf der Erde: Hawaii, Köln-Porz und Bremen als Schlüsselorte
Dass auf Hawaii geübt wird, ist kein Zufall: Wer den Mond verstehen will, trainiert in Landschaften, die ihm ähneln – und wer später eine Station betreiben will, muss Abläufe, Technik und psychologische Faktoren vorher testen.
Hawaii: Mond- und Mars-Simulation in Vulkanlandschaft
Die Vulkanregionen auf Hawaii bieten eine Umgebung, die Mond- und Marsbedingungen ähnelt: karger Boden, Lavafelder, Isolation. Analogstationen wie HI-SEAS sind für Simulationen relevant – nicht als Technikspielerei, sondern als reale Vorbereitung: Tagesabläufe, psychologische Belastung, Ressourcenmanagement und Missionslogistik werden dort getestet.
Solche Trainings sind wichtig, weil spätere Stationen am Mond (noch mehr als die ISS) eine Kombination aus Isolation, Zeitdruck, Störanfälligkeit und Autonomie bedeuten.
Köln-Porz: Europas „Mond auf Erden“ – LUNA Analog Facility
In Deutschland entsteht parallel eine der derzeit wichtigsten europäischen Anlagen: LUNA, die neue Mond-Trainings- und Testumgebung von ESA und DLR am Standort Köln-Porz. Die Anlage wurde im September 2024 offiziell eröffnet.
Das Ziel: Astronautinnen und Astronauten sollen nicht nur laufen üben, sondern komplette Missionen simulieren – inklusive Robotik, Arbeitsabläufen, Lichtverhältnissen (lange Schatten am Pol), Staubbelastung (Regolith) und technischer Robustheit. LUNA verbindet damit Training und Technologieentwicklung: Der Mond wird nicht nur besucht – er muss „betrieben“ werden.
Bremen: Robotik, Regolith, Sauerstoff – und Häuserbau als Schlüssel zur autarken Basis
Während Köln-Porz die Trainingsplattform liefert, wird in Bremen an den Bausteinen gearbeitet, die eine dauerhafte Präsenz überhaupt erst ermöglichen. Denn eine Mondbasis ist nicht nur ein Zielort – sie ist ein Betriebssystem aus Energie, Material, Wartung und Schutz, und sie muss unter Bedingungen entstehen, die keinen klassischen Bau zulassen.
In Projekten rund um Universität Bremen, DFKI und DLR-nahe Forschungsstrukturen rücken daher gleich mehrere Schlüsseltechnologien in den Mittelpunkt:
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Robotische Bauprozesse (autonome oder ferngesteuerte Systeme für Montage, Transport, Reparatur und Infrastrukturaufbau)
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Regolith als Baustoff (Mondstaub wird als Ressource genutzt – etwa durch Sinterverfahren, Block-/Ziegelkonzepte oder 3D-Druck)
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Testumgebungen und Demonstratoren, in denen modulare Habitat- oder „Mondhaus“-Strukturen realitätsnah geplant, aufgebaut und erprobt werden
Damit wird Bremen zu einem wichtigen europäischen Knotenpunkt für das, was Raumfahrtstrategen als Gamechanger betrachten: Bauen mit lokalen Ressourcen. Denn Regolith ist mehr als Staub – er kann zur Quelle für
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Baumaterialien (Abschirmung gegen Strahlung, Schutz vor Mikrometeoriten, thermische Stabilisierung),
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Sauerstoffgewinnung (ISRU – In-situ Resource Utilization),
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und perspektivisch sogar Treibstoffproduktion werden.
Je stärker es gelingt, Schutzstrukturen und Habitate mit Mondmaterial aufzubauen, desto weniger muss von der Erde transportiert werden – ein entscheidender Kostenfaktor. Gleichzeitig entsteht so die Grundlage für lange Aufenthalte: Erst wenn Häuser, Reparaturkonzepte, Ressourcen- und Energiesysteme funktionieren, wird aus einer Mission eine echte Präsenz.
Wem gehört der Mond? Die entscheidende Rechtsfrage
Sobald Infrastruktur entsteht, wird Eigentum politisch. Doch völkerrechtlich ist die Lage eindeutig – zumindest in der Theorie.
Das Fundament ist der Outer Space Treaty von 1967 (UNO-Rahmen): Der Mond und der Weltraum sind nicht national aneignungsfähig. Kein Staat darf ihn per Souveränitätsanspruch „besitzen“ – auch nicht durch Nutzung oder Besetzung.
Damit gilt:
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Der Mond gehört niemandem als Territorium.
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Eine Flagge ist Symbol – kein Eigentumstitel.
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Staaten bleiben aber zuständig für das, was sie hochschicken (juristische Verantwortung und Kontrolle über Raumobjekte).
In der Praxis entsteht jedoch eine zweite Ebene: Ressourcennutzung. Die USA treiben hierfür Normen über die Artemis Accords voran. Diese stärken den OST-Rahmen, zielen aber darauf, dass die Nutzung von Ressourcen rechtlich als zulässig interpretiert wird – ohne dass damit „Landbesitz“ entsteht. Kritiker sehen darin eine mögliche schleichende Privatisierung.
Kurz: Keiner darf den Mond besitzen – aber viele wollen ihn nutzen. Und genau diese Grauzone dürfte die Raumfahrtpolitik der kommenden Jahre prägen.
Wo wäre der beste Standort für eine Mondbasis?
Inzwischen ist nahezu Konsens: Die entscheidende Region liegt nicht am Äquator, sondern am Südpol.
1) Energie: Sonne fast ohne Unterbrechung
Am Südpol gibt es Höhenzüge („Peaks of Eternal Light“), die über sehr lange Zeiträume Sonne bekommen. Das ist ein Standortvorteil, weil Solarenergie dort verlässlicher ist als in anderen Regionen mit langen Mondnächten.
2) Wasser: Eis in permanenten Schattenkratern
Gleichzeitig liegen ganz in der Nähe extrem kalte permanent shadowed regions (PSR) – Krater, die nie Sonne sehen. In diesen Kältefallen können sich Wassereis und andere flüchtige Stoffe halten.
Wasser ist auf dem Mond gleich mehrfach Gold wert:
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Trinkwasser
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Sauerstoff
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Treibstoff (Wasserstoff/Sauerstoff)
Damit wird klar, warum USA und China beide die Südpolregion priorisieren: Energie + Wasser + stabile Temperaturen in Teilzonen ist die perfekte Kombination.
Der Mond als Sprungbrett zum Mars
Eine Mondbasis wäre nicht nur Forschung – sie wäre Industriepolitik im All. Denn der Mond ist der Ort, an dem sich testen lässt:
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Lebenserhaltungssysteme über Jahre
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geschlossene Kreisläufe (Wasser/Luft/Nahrung)
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Strahlungsschutz in realer Umgebung
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Robotik und autonome Bauprozesse
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Treibstoffproduktion vor Ort
Für den Mars ist all das Pflicht. Wer am Mond scheitert, wird auf dem Mars nicht bestehen. Deshalb ist der Mond mehr als Zwischenstopp: Er ist der erste echte Test für eine multiplanetare Infrastruktur.
Fazit: Der neue Wettlauf ist ein Infrastruktur-Rennen
Der Wettlauf zum Mond ist heute weniger ein Prestigeprojekt, sondern ein Systemwettbewerb: Wer schneller Energie, Rohstoffe, Robotik und Versorgung in eine funktionierende Architektur bringt, setzt Standards – technisch, wirtschaftlich und politisch.
Die USA haben mit Artemis und einem internationalen Partnernetzwerk einen mächtigen Hebel. China baut mit ILRS und klaren Langfristzielen eine Gegenarchitektur auf. Europa wiederum kann – mit Standorten wie Köln-Porz und Forschung in Bremen – zum entscheidenden Technologiepartner werden.
Die nächste Mondära beginnt nicht mit der Landung. Sie beginnt mit der Frage: Wer bleibt?
Quellen / Hinweise (nur am Schluss)
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NASA: Artemis II Mission Updates (Launch window 2026)
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NASA: Artemis III Mission Overview (Südpol-Fokus, Zeitrahmen 2027/2028)
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NASA: Artemis IV / Gateway-Ausbau (Artemis IV, 2028)
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China: Crewed lunar landing target by 2030 / ILRS-Ziele (Basic station by 2035)
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China Chang’e-7 (späte 2026, Wasser-/Südpolfokus)
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ESA/DLR: LUNA Analog Facility (Eröffnung 25. Sept 2024, Köln-Porz)
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HI-SEAS Hawaii Analog Station
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UNOOSA: Outer Space Treaty – Nicht-Aneignung (Article II)
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Auswärtiges Amt: Weltraumrecht / Moon non-appropriation
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NASA: Artemis Accords (Normen verantwortlicher Exploration)
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LROC / NASA: PSR und Wassereis in Schattenkratern
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Trend Report Redaktion 15.01.2026













