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TCO Development: IT-Produktion nachhaltiger gestalten

Ein Beitrag von Niclas Rydell, Direktor Zertifizierung, TCO Development

Für fast alle IT-Produkte gilt heutzutage, dass sie in einer komplexen Lieferkette mit bis zu 60 Stufen für ein mobiles Gerät hergestellt werden. Beim Wettkampf der Marken, um den Anwendern die neueste Technik zu den niedrigsten Kosten anzubieten, ist ein immer stärkerer Druck zur Reduzierung der Kosten und Einführungszeiten zu beobachten. Dieser Druck führt zu schlechten Arbeitsbedingungen mit erheblichen Überstunden, niedrigen Löhnen und niedrigen Standards für den Arbeits- und Gesundheitsschutz.

TCO Brands

1. EICC, umfassende Teilnahme am EICC-Prozess, einschl. Mitgliedschaft und VAP-Audit – sieben Marken
2. SA8000-Zertifikat – drei Marken
3. Eigene Arbeit, Ausfüllen des TCO Certified-Fragebogens und unabhängige Audits – sieben Marken

Seit 2012 enthält TCO Developments Nachhaltigkeitszertifizierung für IT-Produkte, TCO Certified, auch Kriterien für die sozial verantwortliche Produktion. Diese fordern von den Herstellern die Einhaltung der acht ILO Kernübereinkommen sowie weiterer wichtiger Bestimmungen und Konventionen zum Schutz der Rechte der Arbeiter.
In einem am 28. August 2014 veröffentlichten Bericht stellt TCO Development seine Erfahrungen mit den ersten 17 IT-Marken zusammen, die im ersten Jahr der Gültigkeit (2012/13) Produkte nach neuen Kriterien zertifizierten haben.

Der Bericht stellt fest, dass die Marken die Einhaltung ihrer Verhaltenskodizes, einschließlich Schulungen und Workshops für Hersteller und Kenntnis ihrer Lieferkette, verbessert haben, um die Kriterien von TCO Certified zu erfüllen. Insbesondere einige Marken, die die Option „Eigene Arbeit” gewählt hatten, führten bei der Arbeit mit den Kriterien für TCO Certified zum ersten Mal Programme zum Schutz und zur fairen Behandlung der Arbeiter ein.

Außerdem machten viele Marken die soziale Verantwortung zur Chefsache und verbesserten die Kommunikation ihres Verhaltenskodex gegenüber den Angesprochenen. Eine Herausforderung für die Marken ist die Anpassung ihrer Geschäftstätigkeit, um Zulieferern die Verbesserung der Arbeitsbedingungen zu ermöglichen. Dies gilt insbesondere für Produktionsanlagen, die nicht im Besitz der Marken sind (externe Zulieferer), da die Zulieferer oft Probleme haben, die vom Käufer geforderten Investitionen zur Erfüllung der Anforderungen an die soziale Verantwortung zu tätigen und gleichzeitig die Ziele für die Produktionskosten zu erfüllen. Als Teil des Compliance-Prozesses haben die Marken begonnen, ihre Zulieferer der zweiten Ebene zu identifizieren, um diese Probleme zu lösen.

Niclas Rydell, Direktor Zertifizierung, TCO Development

Niclas Rydell, Direktor Zertifizierung, TCO Development

Die bisher gewonnenen Erkenntnisse deuten auf ein größeres Engagement und einen verbesserten Dialog zwischen den IT-Marken und ihren Zulieferern sowie externen Gruppen hin. Ein Schritt, den mehrere Marken nach dem Vorbild der Textilindustrie gegangen sind, ist die Schaffung einer größeren Transparenz in ihrer Lieferkette.
Die von den Marken an die unabhängigen Prüfstellen zur sozialen Verantwortung übermittelten Berichte enthalten verschiedene Verstöße gegen den Verhaltenskodex. Bei den meisten Marken gab es in einem oder mehreren Bereichen Fälle von mangelnder Übereinstimmung. Während bei den Audits in einigen Fällen tatsächliche Verstöße ermittelt wurden, waren in anderen Fällen die Abweichungen eher auf Mängel in der Dokumentation oder beim Nachweis der Implementierung zurückzuführen.
Die Zusammenstellung der Abweichungsdaten zeigt zwei deutliche Schwerpunkte: Verstöße gegen bestehendes Arbeitsrecht sowie im Bereich Arbeits- und Gesundheitsschutz. Hier sind die Abweichungen besonders weit verbreitet und zeigen eine sehr hohe Anzahl an Verstößen bei „Prioritäten“ oder „wichtigen“ Kategorien.
Die ermittelten Ergebnisse stimmen mit den Schwerpunkten überein, die in anderen sozialen Lebenszyklusanalysen für Notebooks identifiziert wurden.

So funktioniert TCO Certified

Grafik So funktioniert TCO

Verifizierung der sozial verantwortlichen Herstellung bei der Marke und im Montagewerk nach dem Zertifizierungsprogramm TCO Certified

TCO Development hat mit den neuen Kriterien drei wertorientierte Ziele festgelegt:

  • Die erhöhte Verantwortung der Marke für sichere und ethische Arbeitsbedingungen in Produktionsstätten
  • Die Einrichtung einer offenen, objektiven Plattform für schrittweise Verbesserungen, einschließlich definierter Kontrollen und Benchmarks
  • Ein verbesserter und offener Dialog zwischen Marken, Herstellern und anderen Akteuren über soziale Fragen
  • Da die Überprüfung der Konformität für diesen Prozess von wesentlicher Bedeutung ist, hat TCO Development drei Verifizierungsinstrumente zur Bewertung der Einhaltung der Kriterien eingeführt:
    • Verhaltenskodex – entweder durch den EICC-Prozess, durch SA8000 oder die Option „Eigene Arbeit“
    • Unabhängige Fabrik-Audits – in Produktionsstätten von Zulieferern der ersten Ebene (Endmontage)
    • Korrekturmaßnahmenplan (corrective action plan, CAP) – zur Behebung von Konformitätsabweichungen

Die Verifizierung erfolgt durch akkreditierte, unabhängige Prüfinstanzen. Fabriken und Produkte unterliegen zudem nachgelagerten Stichprobenkontrollen und Audits.
TCO Certified hat den Marken eine offene Plattform und Struktur zur Verfügung gestellt, die es ihnen ermöglicht, die Leistung und erzielten Fortschritte zu messen. Das TCO Certified-Programm beinhaltet nachgelagerte Stichproben von Produkten und Produktionsstätten, um so die kontinuierliche Umsetzung der Compliance zu überwachen.

Arbeitsgesetzgebung und Arbeits- und Gesundheitsschutz

Grafik Werkzeuge TCO

Werkzeuge von TCO: Verhaltenskodex
Unabhängige Fabrik-Audits
Korrekturmaßnahmeplan

Die häufigsten Verstöße betreffen Arbeitszeiten und Arbeitsbedingungen sowie die Zahlung von Überstundenvergütungen, gefolgt von Fällen, bei denen Arbeitern kein wöchentlicher Ruhetag gewährt wurde. Verstöße im Zusammenhang mit Kinderarbeit wurden, sofern sie keinen direkten Verstoß gegen die UN-Kinderrechtskonvention oder die ILO-Übereinkommen zur Kinderarbeit darstellen, als Verletzungen des Arbeitsrechts eingestuft. Dazu gehörten die kurzzeitige Beschäftigung von Arbeitern unter 18 Jahren mit niedrigerem Lohn oder „Praktikanten” im Schulalter, denen angemessene Arbeitnehmerrechte verweigert werden.
Insbesondere in China ist die Vereinigungsfreiheit der Arbeiter nach wie vor ein Problem. Nach chinesischem Arbeitsrecht können Arbeiter eigene Vertreter wählen, was jedoch verschiedenen Studien zufolge häufig am Engagement der Leitung scheitert. Hinzu kommen zahlreiche Verstöße im Bereich des Arbeits- und Gesundheitsschutzes sowie der Arbeitsbedingungen.

Basierend auf diesem Bericht wird TCO Development folgende Bereiche für die Zukunft stärker in Betracht ziehen:

  • Ausdehnung der Mechanismen zur Kontrolle und Verifizierung der Implementierung durch die Marken zusätzlich zu den laufenden Stichprobenkontrollen.
  • Tieferes Eindringen in die Lieferkette zur Prüfung aller beteiligten Ebenen und Produktionsstätten eines IT-Produkts, um eine höheren Grad an Nachhaltigkeit für die gesamte Branche zu erreichen.
  • Stärkere Anstrengungen im Bereich der Vereinigungsfreiheit der Arbeiter. Dies sollte zu einem echten Dialog zwischen Arbeitern und Management führen. TCO Development untersucht gegenwärtig die Möglichkeit, diese Frage in die Kriterien für TCO Certified einzubeziehen.
  • Die weitere konstruktive Arbeit mit externen Organisationen (Beobachtung der Anstrengungen von Nichtregierungs- und Interessenorganisationen) ist zukünftig von großer Bedeutung für den Fortschritt, da diese in der Lage sind, soziale und Umweltprobleme bei der Produktion von IT-Ausrüstungen aufzuzeigen und wertvolle Beiträge zu leisten.

 

Verstöße gegen TCO-Nachhaltigkeitskriterien

Anzahl der Marken mit Verstößen nach Kriterienkategorien (Daten aus Stichprobenkontrollen)

Eine präzise Kommunikation des Umfangs von TCO Certified ist wichtig. TCO Development wird auch weiterhin mit seinen Zielgruppen und den Marken im Sinne einer korrekten Kommunikation über die Zertifizierung arbeiten. Dabei ist es wichtig, deutlich zu machen, dass TCO Certified eine Produktzertifizierung ist und sich nicht auf eine gesamte Marke oder ein Unternehmen bezieht. Ebenso wenig ist TCO Certified ein Beweis oder eine Garantie dafür, dass es in der Produktion der Marke keinerlei Probleme im Bereich Nachhaltigkeit oder soziale Verantwortung gibt.

Die komplette Studie kann unter folgendem Link bestellt werden:
http://tcodevelopment.com/news/the-state-of-socially-responsible-manufacturing-in-the-it-industry

Weitere Informationen unter:
www.tcodevelopment.com

 

Bildquelle Niclas Rydell: TCO Development

Bildquelle Aufmacher: Matt Laskowski

Lizenz Aufmacher: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

Textlizenz: Dies ist ein Beitrag von Niclas Rydell, TCO Development, Verbreitung nur nach Zustimmung mit dem Urheber (TCO Development)

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