Ifo fordert Reform beim Kurzarbeitergeld

Das Münchner ifo Institut fordert angesichts des zunehmenden Fachkräftemangels eine grundlegende Reform des Kurzarbeitergeldes in Deutschland. Nach Einschätzung der Wirtschaftsforscher behindert die aktuelle Regelung zunehmend die Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt und verzögert den Wechsel von Beschäftigten in neue Branchen mit hohem Personalbedarf.

Der Hintergrund: Während Unternehmen in Bereichen wie Pflege, IT, Handwerk oder Industrie händeringend Personal suchen, steigt gleichzeitig in anderen Wirtschaftszweigen die Arbeitslosigkeit. Laut ifo-Experten führt das derzeitige Kurzarbeitergeld dazu, dass Beschäftigte länger in schrumpfenden Branchen verbleiben, obwohl in anderen Bereichen bereits Arbeitskräfte fehlen.

Aktuell kann Kurzarbeitergeld bis zu 24 Monate bezogen werden. Vor der Corona-Pandemie lag die maximale Bezugsdauer meist bei zwölf Monaten, teilweise sogar nur bei sechs Monaten. Nach Ansicht des ifo-Instituts sollte die Bezugsdauer ab 2027 wieder auf ein Jahr begrenzt werden.

Das Kurzarbeitergeld gehört seit Jahrzehnten zu den wichtigsten Instrumenten des deutschen Arbeitsmarktes. Unternehmen können damit Beschäftigte auch bei Auftragsrückgängen halten, statt sofort Kündigungen auszusprechen. Die Bundesagentur für Arbeit übernimmt dabei einen Teil des entfallenen Nettolohns. Ziel ist es, wirtschaftliche Krisen abzufedern und Massenentlassungen zu verhindern.

Die ifo-Forscher sehen inzwischen jedoch auch problematische Nebenwirkungen. In ihrer aktuellen Analyse argumentieren sie, dass die lange Bezugsdauer den notwendigen Strukturwandel ausbremse. Unternehmen erhielten indirekt eine Art temporäre Lohnsubvention, während Beschäftigte geringere Anreize hätten, sich frühzeitig beruflich neu zu orientieren.

Gleichzeitig betont das Institut, dass eine Reform nicht allein über Kürzungen funktionieren könne. Stattdessen schlagen die Wissenschaftler vor, Umschulungen, Weiterbildungen und berufliche Neuorientierung deutlich stärker zu fördern. Denkbar seien beispielsweise höhere Leistungen für Menschen, die während Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit aktiv an Qualifizierungsmaßnahmen teilnehmen.

Die Debatte trifft einen sensiblen Zeitpunkt für den deutschen Arbeitsmarkt. Viele Unternehmen stehen mitten im digitalen und industriellen Wandel. Besonders die Automobilindustrie, Zulieferer, klassische Industriebranchen und Teile des Handels bauen derzeit Stellen ab oder restrukturieren Geschäftsbereiche. Gleichzeitig entstehen neue Arbeitsplätze in Zukunftsfeldern wie künstlicher Intelligenz, Energiewirtschaft, Halbleitertechnik, Digitalisierung und Infrastrukturmodernisierung.

Neben der Reform des Kurzarbeitergeldes fordert das ifo-Institut weitere Maßnahmen zur Stärkung des Arbeitsmarktes. Dazu zählen unter anderem bessere Bedingungen für qualifizierte Zuwanderung, weniger Bürokratie bei der Anerkennung ausländischer Abschlüsse sowie stärkere Anreize für längeres Arbeiten älterer Beschäftigter.

Die Diskussion zeigt, wie stark sich der deutsche Arbeitsmarkt derzeit verändert. Während das Kurzarbeitergeld in früheren Krisen vor allem als Schutzmechanismus galt, rückt nun zunehmend die Frage in den Mittelpunkt, wie flexibel Wirtschaft und Beschäftigte auf technologische und strukturelle Veränderungen reagieren können.

CC BY-ND 4.0: Dieser Beitrag darf unter Nennung der Quelle „TREND REPORT“ unverändert weiterverbreitet werden. Lizenz: CC BY-ND 4.0