Europa im Verteidigungsfall: Neue Studie zeigt strukturelle Schwächen auf

Eine aktuelle Analyse des französischen Forschungsinstituts Institut français des relations internationales (IFRI) warnt: Europa wäre im Fall einer großflächigen militärischen Konfrontation derzeit nur eingeschränkt handlungsfähig. Fehlende Mobilisierungsfähigkeit, fragmentierte Verteidigungsstrukturen und unzureichende industrielle Kapazitäten gefährden die strategische Eigenständigkeit des Kontinents. Die Untersuchung verdeutlicht, dass die EU-Staaten zwar über finanzielle Mittel und technisches Know-how verfügen, es aber an politischer Geschlossenheit und langfristiger Verteidigungsplanung mangelt.

Ein Kontinent in Abhängigkeit
Laut IFRI steht Europa vor einem sicherheitspolitischen Dilemma: Während der russische Angriffskrieg in der Ukraine die Notwendigkeit einer starken europäischen Verteidigung untermauert, bleibt die tatsächliche Handlungsfähigkeit begrenzt.
Die Studie beschreibt eine doppelte Abhängigkeit – einerseits vom militärischen Engagement der USA, andererseits vom militärischen Durchhaltevermögen der Ukraine. Würde eine dieser Säulen wegbrechen, sähe sich Europa einer sicherheitspolitischen Belastungsprobe ausgesetzt, die es derzeit kaum allein bewältigen könnte.

Fehlende Mobilisierung und begrenzte Truppenstärke
Das IFRI weist darauf hin, dass viele europäische Staaten nur über kleine Berufsarmeen verfügen, deren Personalzahlen kaum ausreichen, um eine groß angelegte Landesverteidigung zu gewährleisten. Nur wenige Länder – darunter Frankreich, Großbritannien und Deutschland – könnten derzeit größere militärische Einheiten mobilisieren.
Zudem sind in vielen Staaten die Reservestrukturen veraltet oder nur rudimentär vorhanden. Die Fähigkeit, im Krisenfall innerhalb kurzer Zeit eine funktionsfähige Armee aufzubauen, gilt als stark eingeschränkt.

Industrie und Logistik als Engpass
Auch die Verteidigungsindustrie wird von den Studienautoren kritisch bewertet. Trotz steigender Verteidigungsausgaben in der EU sei bislang kein nachhaltiger industrieller Aufschwung erkennbar.
Vor allem in den Bereichen Munition, Drohnentechnologie und Flugabwehr bestehen Produktionslücken. Fehlende gemeinsame Beschaffungsprogramme und langwierige Ausschreibungsverfahren verhindern eine schnelle Reaktionsfähigkeit.
Während Russland seine Rüstungsproduktion massiv hochfährt, fehlt Europa eine koordinierte Strategie, um Material- und Munitionsreserven in ausreichendem Umfang zu sichern.

Koordination statt Kleinstaaterei
Ein zentrales Problem sieht die Studie in der zersplitterten Verteidigungslandschaft Europas. Unterschiedliche nationale Beschaffungsregeln, inkompatible Waffensysteme und ein Mangel an gemeinsamer Planung führen zu Ineffizienzen.
Das IFRI fordert eine stärkere Integration der europäischen Verteidigungswirtschaft, eine bessere Nutzung des EU-Verteidigungsfonds und die Schaffung eines verbindlichen Rahmens für gemeinsame Produktionsziele. Nur so könne Europa langfristig strategische Autonomie erlangen.

Politischer Wille als entscheidender Faktor
Die Autoren betonen, dass die Herausforderungen weniger technischer als vielmehr politischer Natur sind. Europa verfüge über Ressourcen und Fachwissen, um seine Verteidigungsfähigkeit deutlich auszubauen – es fehle jedoch an entschlossenem politischen Handeln und einer gemeinsamen Vision.
Bis zum Ende des Jahrzehnts sei es möglich, eine robuste europäische Verteidigungsstruktur aufzubauen, sofern die Mitgliedsstaaten ihre Anstrengungen bündeln und Prioritäten klar definieren.

Fazit: Weckruf für die europäische Sicherheitspolitik
Die Studie des IFRI versteht sich als Warnsignal: Europa muss seine sicherheitspolitische Selbstständigkeit ernst nehmen, bevor äußere Umstände zum Handeln zwingen.
Nur durch koordinierte Beschaffung, gemeinsame Ausbildung und eine leistungsfähige Verteidigungsindustrie kann der Kontinent seine Handlungsfähigkeit langfristig sichern.
Der Bericht erinnert daran, dass Frieden in Europa keine Selbstverständlichkeit ist – und dass Verteidigungsfähigkeit nicht nur militärische Stärke, sondern auch politische Entschlossenheit bedeutet.

Herausgeber:
Institut français des relations internationales (IFRI)

Weiterführender Link:
Zur Meldung auf n-tv.de

Quelle: IFRI-Bericht „Europe and the Russian Threat – Assessing Europe’s Military Preparedness“ (veröffentlicht 2025, Paris)

Lizenzhinweis:
https://creativecommons.org/licenses/by-nd/4.0/deed.de