EU-Energieeinkäufe in Russland: Wer kauft was – und was bedeutet das politisch?

Seit Beginn des Angriffskriegs gegen die Ukraine hat die EU ihre Energieabhängigkeit von Russland stark reduziert – aber nicht auf null. Vor allem Ausnahmen bei Pipeline-Öl, Restmengen an Pipeline-Gas über die Balkanroute und der weiterlaufende Import von russischem LNG (Flüssiggas) sorgen dafür, dass weiterhin Geld nach Moskau fließt.

Was die EU insgesamt noch zahlt

Laut dem Forschungsinstitut CREA bezahlte die EU im „dritten Kriegsjahr“ (2024) rund 21,9 Mrd. € für russische fossile Energieträger – und damit mehr, als sie im selben Zeitraum an finanzieller Hilfe an die Ukraine ausreichte (18,7 Mrd. €). CRECA+2CRECA+2
Seit Kriegsbeginn stammen Russlands wichtigste Budgeteinnahmen weiterhin aus Öl- und Gasexporten; EU-Sanktionen drücken zwar Margen und Volumina, eliminieren sie aber nicht vollständig. Die 14. EU-Sanktionsrunde untersagt u. a. Transshipment von russischem LNG über EU-Häfen (nach Übergangsfrist), Investments in neue russische LNG-Projekte und erschwert Umgehungsrouten – die Direktimporte von LNG in EU-Terminals sind jedoch bislang nicht pauschal verboten. Enlargement and Eastern Neighbourhood+2White & Case+2

Wer kauft was? – Der Überblick nach Energieträger

1) Pipeline-Öl (Druzhba-Ausnahme)

  • Ungarn & Slowakei: Beziehen weiterhin russisches Rohöl über die Druschba-Pipeline auf Basis der EU-Ausnahme für Binnenländer ohne Meereszugang. Politisch hochsensibel, aber (Stand 2025) nicht vollständig beendet. Balkan Insight+1

  • Tschechien: Hat die Abhängigkeit 2025 beendet; seit April 2025 fließt Öl ausschließlich über die TAL/IKL-Route aus Italien/Deutschland. Reuters+1

  • Bulgarien: Die frühere Ausnahme für Seetransporte endete 2024; Sofia untersagte die Verarbeitung russischer Öle ab 1. März 2024. Anadolu Ajansı+1

2) Pipeline-Gas

  • Der Transit über die Ukraine endete zum 1. Januar 2025, womit die Restmengen via Ukraine wegfielen. Verbliebene Lieferungen nach Zentraleuropa laufen über TurkStream/Balkanroute (Russland–Türkei–Bulgarien–Serbien/Balkan). Betroffen bzw. interessiert: Ungarn, Slowakei, in geringerem Maße Österreich (indirekte Ströme/Swaps). Oxford Energy+1

  • Slowakei: Bestätigte Anfang Feb. 2025 die Umstellung auf TurkStream-Zuflüsse. Pravda

  • Österreich: Der langjährige OMV-Liefervertrag mit Gazprom wurde im Dez. 2024 beendet; direkte Gazprom-Lieferungen sind eingestellt, der Herkunftsanteil russischen Gases in AT ging seither zurück – Gasflüsse nach AT können aber weiterhin Moleküle russischen Ursprungs enthalten (europäischer Marktverbund). omv.com+1

3) LNG (Flüssiggas) aus Russland
Hier liegt die größte verbliebene Schwachstelle: Belgien (Zeebrugge), Frankreich (Dunkerque/Montoir) und Spanien zählten 2024/2025 zu den wichtigsten EU-Abnehmern von russischem LNG; auch Niederlande und Italien tauchen in den Statistiken auf. Trotz politischer Bekenntnisse stiegen die LNG-Mengen 2024 gegenüber 2023 teils noch an; zwischen 2021 und H1 2025 summierten sich EU-Importe auf > 90 bcm. Ab 2025 greift jedoch das Verbot der Umschlag-Drehscheiben in EU-Häfen, was den Handel erschwert. CRECA+3Greenpeace+3S&P Global+3

Was verdient Russland dabei?

Die Aussage, die EU „finanziere den Krieg“, ist politisch zugespitzt – aber nicht völlig aus der Luft gegriffen: Jede verbliebene Milliarde an Öl-/Gas-Erlösen stärkt Russlands Haushalt, aus dem auch das Militär finanziert wird. CREA beziffert die EU-Zahlungen 2024 auf 21,9 Mrd. €; das ist deutlich weniger als vor 2022, aber immer noch relevant. Gleichzeitig haben Sanktionen, Preisobergrenzen und Umleitungszwänge die Rentabilität russischer Exporte gedämpft. Die größere Lücke liegt derzeit beim LNG, wo EU-Staaten aus Versorgungssicherheitsgründen länger zögern als bei Öl. CRECA+1

Ist das nicht unlogisch – und ist die EU noch handlungsfähig?

Auf den ersten Blick wirkt es widersprüchlich: Man sanktioniert und unterstützt die Ukraine – und importiert weiterhin Energieträger. Auf den zweiten Blick zeigt sich ein Sequencing:

  1. Seeverladungen von Öl wurden (mit Ausnahmen) früh verboten; Pipeline-Ausnahmen für Binnenländer blieben, um Versorgungsschocks zu vermeiden. Enlargement and Eastern Neighbourhood

  2. Pipeline-Gas brach vor allem durch Marktereignisse (Nord Stream, Zahlungsverträge, Transitende) weg, weniger durch EU-Rechtsakte – die Restmengen laufen über die Türkei/Balkan, sind aber rückläufig. Oxford Energy

  3. LNG blieb als „Sicherheitsventil“ erhalten; die EU schränkt nun Schritt für Schritt Transshipment und künftige Investitionen ein, ohne akute Lieferkrisen zu riskieren. Enlargement and Eastern Neighbourhood+1

Handlungsfähigkeit: Ja, die EU ist handlungsfähig – aber sie balanciert Energie-Sicherheit, Preisstabilität und geopolitische Ziele. Politisch realistisch sind kurzfristig gezielte Schließungen von Schlupflöchern (z. B. Nischenprodukte, Umschlag), Druck auf Pipeline-Ausnahmen (Ungarn/Slowakei) sowie verbindliche Reduktionspfade für LNG-Kontrakte. Marktseitig helfen der weitere Infrastruktur-Ausbau (LNG-Terminals, Interkonnektoren), Ersatzmoleküle (Norwegen, USA, MENA), Nachfragereduktion und Erneuerbare. Medienberichte deuten an, dass Brüssel genau hier nachlegt und zusätzliche Nischenimporte adressieren will. Reuters

Fazit

  • Die EU hat die Abhängigkeit massiv reduziert, aber nicht vollständig beendet.

  • Hauptleck ist aktuell russisches LNG (Direktimporte), während Pipeline-Öl-Ausnahmen (Ungarn/Slowakei) politisch der härteste Brocken bleiben. Greenpeace+1

  • Zahlungen an Russland liegen weiterhin im zweistelligen Milliardenbereich pro Jahr – ein Reputations- und Sanktionsrisiko, das Investoren und Energieeinkäufer einkalkulieren müssen. CRECA

  • Die Richtung stimmt, aber die Glaubwürdigkeit der EU-Strategie hängt daran, ob LNG-Importe (und Pipeline-Ausnahmen) zeitnah und planbar weiter zurückgeführt werden.


Hinweis zur Datengrundlage (Stand: 2. Oktober 2025):
Gesamtzahlungen: CREA-Analysen 2024/25. Länderbild Öl: Druschba-Ausnahmen (Ungarn/Slowakei), Tschechien seit April 2025 unabhängig; Bulgarien-Derogation ausgelaufen. Pipeline-Gas: Transitende Ukraine 1. 1. 2025; Restmengen via TurkStream/Balkan. LNG: hohe Anteile Belgien/Frankreich/Spanien; EU-Verbot von Transshipment nach Übergangsfrist. Enlargement and Eastern Neighbourhood+5CRECA+5Reuters+5