Wirtschaftsfaktor Gleichstellung: Deutschlands Innovationskraft braucht Vielfalt
Gastbeitrag von Prof. Barbara Schwarze & Luisa Rosenow
Frauen sind die unterschätzte Innovationsressource der deutschen Wirtschaft. Damit Deutschland im globalen Wettbewerb um Zukunftstechnologien vorne mitspielt, braucht es klare Gleichstellungsstrategien für Organisationen, die Wissenschaft und die Politik.
Deutschland steht vor einer doppelten Herausforderung: Der internationale Innovationswettbewerb verschärft sich, während der Fachkräftemangel wächst, insbesondere in naturwissenschaftlich-technischen Berufsfeldern.
Das Potenzial von Frauen, ihre vielfältigen Talente und Erfahrungen, finden in zu geringem Maße Eingang in Forschung und Entwicklung. So sind sie in Zukunftstechnologien wie Künstlicher Intelligenz (KI) oder den Quantentechnologien massiv unterrepräsentiert. Nur etwa 22 Prozent der Beschäftigten im Bereich KI sind Frauen, trotz ihres hohen Anteils an den Absolventinnen mit Hochschulabschluss insgesamt. Im internationalen Wettbewerb um die Entwicklung von Schlüsseltechnologien entscheidet insbesondere auch ein divers aufgestellter Fachkräftepool über das Tempo für neue Ideen, die Vielfalt der Perspektiven, ihre Anwendungsbreite und internationale Anschlussfähigkeit. Denn Studien zeigen: Teams mit einem ausgewogenen Geschlechterverhältnis entwickeln innovativere, nutzungsorientiertere und robustere Lösungen.
Eine Kehrtwende ist also erforderlich – und zwar politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich. Es braucht eine bundesweite Strategie, ökonomische Anreize und verbindliche Regelungen unter Einbeziehung aller Geschlechter, um das Potenzial weiblicher Fachkräfte nachhaltig zu heben. Für eine starke Wirtschaft, faire Gesellschaftsstrukturen und die Zukunftsfähigkeit unseres Landes.

Prof. Barbara Schwarze erklärt: „Das Potenzial von Frauen, ihre vielfältigen Talente und Erfahrungen, finden in zu geringem Maße Eingang in Forschung und Entwicklung. So sind sie in Zukunftstechnologien wie Künstlicher Intelligenz (KI) oder den Quantentechnologien massiv unterrepräsentiert.“
Forderungen für eine zukunftsfähige Wirtschaft
Mit der Hightech Agenda Deutschland hat die aktuelle Bundesregierung den Anspruch formuliert, den Spitzenstandort Deutschland zukunftsfähig und international wettbewerbsfähig zu gestalten. Solange Gleichstellung nicht als strategischer Bestandteil in der Hightech Agenda verankert ist, kann dieses Vorhaben nicht gelingen. Denn Exzellenz entsteht dort, wo vielfältige Perspektiven zusammenkommen. Frauen sind dabei unverzichtbare Akteurinnen: Sie bringen Kompetenzen, Erfahrungen und Innovationskraft ein, die bislang zu wenig berücksichtigt werden.
Das Kompetenzzentrum Technik-Diversity-Chancengleichheit e. V. (kompetenzz) mit Sitz in Bielefeld ist Deutschlands größtes Netzwerk zu den Themen Technik, Diversity und Chancengleichheit. Seit mehr als 25 Jahren bündelt der Verein Expertise aus Forschung und Praxis für die Anerkennung von Vielfalt als Erfolgsprinzip in Wirtschaft, Gesellschaft und technologischer Entwicklung. Die Erkenntnis aus einem Vierteljahrhundert Arbeit: Innovation und Kreativität entstehen dort, wo unterschiedliche Perspektiven systematisch einbezogen werden.
Aus diesem Grund bringt kompetenzz drei wichtige Impulse in den Dialog mit Wirtschaft und Politik ein:
- Gleichstellung in der KI-Entwicklung und -Nutzung gezielt stärken
Frauen müssen in ihrer Vielfalt gleichberechtigt an der Gestaltung von KI beteiligt werden. Politische Anreize und verbindliche Gleichstellungsziele sind notwendig, damit spezifische Daten, Kompetenzen und wirtschaftliche Potenziale von Frauen in die Entwicklung einfließen. Nur so kann Deutschland zum Spitzenstandort für digitale Zukunftstechnologien werden.
- Diversity als politische Strategie verankern
Vielfalt ist mehr als ein Leitbild, sie ist ein Erfolgsprinzip. Eine gezielte Diversity-Strategie stärkt die Demokratie, sichert Fachkräfte und fördert wirtschaftliche Innovation. Es braucht klare Standards, Qualifizierung zu Diversity-Kompetenzen und den Abbau bürokratischer Hürden, etwa beim Zugang zu Arbeit, Sorgeaufgaben, Führung und Sprache. So wird Vielfalt zum Standortvorteil und Deutschland zum Vorbild in Europa und der Welt.
- Eine bundesweite Strategie für Gleichstellung in Zukunftsbranchen entwickeln
Im Koalitionsvertrag fehlt bislang eine gezielte Strategie für Gleichstellung in wachstumsrelevanten Branchen. Die Bundesregierung muss ressortübergreifend Anreize für Organisationen und Beschäftigte schaffen, Erwerbshürden für Frauen abbauen und politische Rahmenbedingungen für die gerechte Verteilung der Sorgearbeit setzen. Nur so lassen sich wirtschaftliche Innovation, Fachkräftesicherung und gesellschaftliche Teilhabe sicherstellen.

Luisa Rosenow erläutert: „Wir alle stehen in der Verantwortung, Rahmenbedingungen zu schaffen, die Frauen den Zugang zu technischen Berufen erleichtern und ihre langfristige Bindung fördern.“
Wirtschaftlicher Mehrwert durch Gleichstellung
Wird die Erwerbsbeteiligung von Frauen durch eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie durch flexible Karrierepfade erhöht, könnte das Bruttoinlandsprodukt um bis zu 1,5 Prozent steigen. Unternehmen mit hoher personeller Vielfalt haben eine um 25 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit, überdurchschnittlich profitabel zu sein. Und: KI-Systeme, die in diversen Teams entwickelt wurden, weisen geringere Fehlerraten und weniger Verzerrungseffekte auf.
Die digitale Transformation ist dabei mehr als ein technologischer Wandel, sie verändert die Arbeitswelt, Geschäftsmodelle und gesellschaftliche Strukturen grundlegend. Damit dieser Wandel inklusiv, nachhaltig und innovationsfördernd gelingt, muss Gleichstellung integraler Bestandteil von Digitalstrategien sein. Die digitale Transformation bietet dabei auch die Chance, strukturelle Barrieren zu überwinden, etwa durch flexible Arbeitsmodelle und neue Karrierepfade.
Weibliches Innovationspotenzial heben und halten
Wir alle stehen in der Verantwortung, Rahmenbedingungen zu schaffen, die Frauen den Zugang zu technischen Berufen erleichtern und ihre langfristige Bindung fördern. Es geht nicht nur um gesellschaftliche Teilhabe und freie persönliche Entwicklung, sondern um strategische Zukunftssicherung.
Früh ansetzen: Berufsorientierung und Nachwuchsförderung
kompetenzz setzt mit dem bundesweiten Aktionstag Girls’Day – Mädchen-Zukunftstag ein starkes Zeichen: Jedes Jahr öffnen Unternehmen, Hochschulen und Forschungseinrichtungen ihre Türen für Mädchen ab der 5. Klasse und machen Berufe in IT, Handwerk, Naturwissenschaften und Technik erlebbar. Für Unternehmen ist der Girls’Day eine Chance, frühzeitig Kontakt zu Nachwuchskräften zu knüpfen und Rollenbilder aufzubrechen.
Klischeefrei rekrutieren und kommunizieren
Die Initiative Klischeefrei unterstützt Organisationen dabei, ihre Ausbildungs- und Arbeitskultur frei von Geschlechterklischees zu gestalten. Das bedeutet zum Beispiel, dass Stellenausschreibungen und Karrierewebseiten gendergerecht formuliert, Vorbilder sichtbar gemacht und Auswahlprozesse auf unbewusste Vorurteile geprüft werden.
Vielfalt und Chancengleichheit in Organisationen verankern
Organisationen, die Vielfalt strategisch verankern, profitieren mehrfach: Sie erschließen neue Talente, steigern ihre Innovationskraft und erhöhen ihre Arbeitgeberattraktivität. Konkret heißt das:
- Verbindliche Ziele für den Frauenanteil in Führung und Projektteams setzen
- Familienfreundliche, flexible Arbeitsmodelle etablieren
- Mentoring, Weiterbildung und Karriereprogramme für Frauen ausbauen
- Diversitätskompetenzen in Führung und Personalmanagement integrieren
Weibliche Fachkräfte halten: Unternehmenskultur und Retention
Die Forschung zeigt: Nicht nur der Einstieg, sondern vor allem der Verbleib von Frauen in technischen Berufen ist eine Herausforderung. Organisationen können gezielt gegensteuern, indem sie inklusive Teamkulturen fördern, transparente Aufstiegschancen bieten und sichere, unbefristete Arbeitsverhältnisse schaffen.
Vielfalt als Erfolgsprinzip
Gleichstellung ist kein Nebenschauplatz, sondern ein zentraler Hebel für wirtschaftliche Stärke, technologische Exzellenz und gesellschaftliche Zukunftsfähigkeit. Frauen sind Impulsgeberinnen und unverzichtbare Akteurinnen der digitalen Transformation. Wir können es uns daher nicht leisten, dieses Potenzial weiter ungenutzt zu lassen.
Die langjährige Arbeit von kompetenzz zeigt: Wenn Vielfalt systematisch gefördert wird, entstehen Innovationen, die den Standort Deutschland nachhaltig stärken. Jetzt ist die Zeit, Gleichstellung und Diversität als strategische Investition zu begreifen und entschlossen zu handeln.
Über die Autorinnen
Professorin Barbara Schwarze ist Soziologin und Expertin für Gender und Diversity Studies. Als Mitbegründerin und Vorsitzende des Kompetenzzentrums Technik-Diversity-Chancengleichheit e. V. engagiert sie sich seit Jahrzehnten für Chancengleichheit in Bildung, Beruf und Digitalisierung. Für ihr herausragendes Wirken wurde sie mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.
Luisa Rosenow ist Medienwissenschaftlerin und Historikerin. Als Referentin für Kommunikation beim Kompetenzzentrum Technik-Diversity-Chancengleichheit e. V. beschäftigt sie sich mit den Themen Chancengleichheit, digitale Teilhabe und Frauen in MINT. Ihre journalistische Erfahrung prägt ihre Arbeit an gesellschaftspolitischen Texten, die Vielfalt als strategischen Erfolgsfaktor sichtbar machen.
Mehr erfahren:
Kompetenzzentrum Technik-Diversity-Chancengleichheit e. V.: www.kompetenzz.de
[1] OECD Science, Technology and Innovation Outlook 2023: Enabling Transitions in Times of Disruption.
[2] Statista 2025: Europäische Union: Anteil der erwachsenen Bevölkerung in den Mitgliedstaaten mit einem Bildungsabschluss im Tertiärbereich, aufgeschlüsselt nach Geschlecht im Jahr 2024. Unter: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1099110/umfrage/bevoelkerungsanteil-in-den-eu-laendern-mit-hochschulabschluss/ (Zugriff am 25.09.2025).
[3] Østergaard, C. R., Timmermans, B., & Kristinsson, K. (2011): Does a different view create something new? The effect of employee diversity on innovation. In: Research Policy, 40(3), 500–509.
[4] Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR)(2025): Hightech Agenda Deutschland. Unter: https://www.bmftr.bund.de/DE/Forschung/HightechAgenda/HightechAgenda_node.html (Zugriff am 25.09.2025).
[5] kompetenzz (2025): Frauen als Schlüsselakteurinnen der Hightech-Agenda Deutschland. Unter: https://www.kompetenzz.de/kompetenzz/strategische-impulse/positionspapier-zur-hightech-agenda-2025/positionspapier (Zugriff am 29.09.2025).
[6] RWI (2023): Ehegattensplitting: Abschaffung könnte Fachkräftemangel reduzieren. Unter: https://www.rwi-essen.de/publikationen/zitationsansicht/gemischt/detail/ehegattensplitting-abschaffung-koennte-fachkraeftemangel-reduzieren-6039 (Zugriff am 30.09.2025).
[7] Hunt, V. et al. (2020) Diversity wins: How inclusion matters. McKinsey & Company. Unter: https://www.mckinsey.com/featured-insights/diversity-and-inclusion/diversity-wins-how-inclusion-matters (Zugriff am 30.09.2025).
[8] Buolamwini, J., & Gebru, T. (2018): Gender Shades. Intersectional Accuracy Disparities in Commercial Gender Classification. In: Proceedings of the 1st Conference on Fairness, Accountability and Transparency, PMLR 81, 77–91.













