Warum sich mehr Arbeit für viele Frauen finanziell kaum lohnt

Die Erwerbsbeteiligung von Frauen in Deutschland ist in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gestiegen. Heute sind mehr als drei Viertel der Frauen im erwerbsfähigen Alter berufstätig – ein im internationalen Vergleich hoher Wert. Gleichzeitig arbeitet jedoch ein großer Teil von ihnen in Teilzeit.

Eine neue Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), erstellt im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung, zeigt nun, dass finanzielle Anreize dabei eine wichtige Rolle spielen. Für viele Frauen lohnt sich eine Ausweitung der Arbeitszeit aus wirtschaftlicher Sicht schlicht nicht.


Wenn mehr Arbeit kaum mehr Einkommen bringt

Für die Studie wurden knapp 3.800 Frauen im Alter zwischen 45 und 66 Jahren zu ihren Erwerbsentscheidungen befragt. Besonders deutlich wird dabei ein strukturelles Problem im deutschen Steuer- und Transfersystem.

Unter den verheirateten Frauen dieser Altersgruppe, die bereits in Teilzeit arbeiten, gab rund die Hälfte an, dass sich eine Aufstockung ihrer Arbeitszeit finanziell kaum lohnen würde. Ein zusätzlicher Verdienst führe in vielen Fällen nicht zu einem deutlich höheren Nettoeinkommen.

Auch bei Frauen, die aktuell nicht erwerbstätig sind, zeigt sich ein ähnliches Bild. Rund ein Drittel von ihnen ist der Ansicht, dass sich der Einstieg in eine Beschäftigung aus finanzieller Sicht kaum rentieren würde.


Steuersystem und Minijobs als Einflussfaktoren

Die Studie verweist auf mehrere strukturelle Faktoren, die diese Situation begünstigen. Ein zentraler Punkt ist das sogenannte Ehegattensplitting. Dieses steuerliche Modell kann dazu führen, dass zusätzliche Einkommen im Haushalt vergleichsweise stark besteuert werden.

Gerade für Zweitverdiener – häufig Frauen – sinkt damit der finanzielle Anreiz, ihre Arbeitszeit zu erhöhen oder eine neue Beschäftigung aufzunehmen.

Hinzu kommt die besondere steuerliche Behandlung von Minijobs. Diese Beschäftigungsform ermöglicht zwar einen einfachen Einstieg in den Arbeitsmarkt, kann aber zugleich dazu beitragen, dass sich ein Wechsel in reguläre Beschäftigung finanziell weniger attraktiv anfühlt.

Ökonomen sprechen in diesem Zusammenhang von sogenannten „Erwerbsanreiz-Effekten“, die Arbeitsentscheidungen beeinflussen können.


Hohe Erwerbsquote – aber viel Teilzeit

Die Ergebnisse der Studie zeigen ein weiteres strukturelles Merkmal des deutschen Arbeitsmarktes: Während die Erwerbsquote von Frauen hoch ist, arbeiten viele von ihnen in Teilzeit.

Deutschland gehört zu den Ländern mit einem besonders hohen Anteil teilzeitbeschäftigter Frauen. In vielen Haushalten hat sich ein Modell etabliert, bei dem ein Partner in Vollzeit arbeitet, während der andere eine reduzierte Arbeitszeit wählt.

Dieses Modell kann zwar familiäre Flexibilität ermöglichen, hat jedoch auch langfristige wirtschaftliche Folgen. Niedrigere Erwerbszeiten wirken sich beispielsweise auf Einkommen, Karrierechancen und spätere Rentenansprüche aus.


Arbeitskräftepotenzial im demografischen Wandel

Die Diskussion um Erwerbsanreize gewinnt auch vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels an Bedeutung. Deutschland steht vor einer alternden Bevölkerung und einem steigenden Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften.

Ökonomische Studien weisen daher seit Jahren darauf hin, dass eine stärkere Integration von Frauen in Vollzeit- oder umfangreichere Teilzeitbeschäftigung ein bedeutendes Arbeitskräftepotenzial darstellen könnte.

Wenn steuerliche Rahmenbedingungen dazu führen, dass zusätzliche Arbeit finanziell kaum attraktiv ist, bleibt ein Teil dieses Potenzials ungenutzt.


Reformdebatte über Arbeitsanreize

Die Autoren der Studie sehen deshalb Reformbedarf in mehreren Bereichen der Arbeitsmarkt- und Steuerpolitik. Diskutiert werden unter anderem Veränderungen beim Ehegattensplitting sowie Anpassungen bei der steuerlichen Behandlung von Minijobs.

Ziel solcher Reformen wäre es, zusätzliche Erwerbstätigkeit stärker zu belohnen und damit finanzielle Anreize für mehr Arbeitsstunden zu schaffen.

Die Debatte berührt damit nicht nur Fragen der Gleichstellung, sondern auch wirtschaftspolitische Themen wie Fachkräftesicherung, demografische Entwicklung und die langfristige Stabilität des Arbeitsmarktes.


Quellen

Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW)
Bertelsmann-Stiftung – Studie „Erwerbsbeteiligung von Frauen ab 45“
Arbeitsmarktanalysen zur Erwerbsbeteiligung von Frauen
Statistiken zur Teilzeitbeschäftigung in Deutschland


 

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