Projekt „Euphrat“: NRW untersucht neue Clanstrukturen

Mit dem Forschungsprojekt „Euphrat“ hat Nordrhein-Westfalen erstmals die Kriminalitätsstrukturen syrischstämmiger Tatverdächtiger systematisch analysiert. Über eineinhalb Jahre untersuchten Polizei und Wissenschaftler, ob sich auch in dieser Gruppe clanähnliche Netzwerke bilden. Innenminister Herbert Reul stellte nun die Ergebnisse vor – und kündigte an, die Strategie gegen organisierte Kriminalität weiter auszubauen.


Neue Dimension der Clan-Analyse

Das Landeskriminalamt NRW (LKA) und die Sicherheitskooperation Ruhr führten das Projekt „Euphrat“ durch, um die bislang wenig erforschten Strukturen innerhalb der syrischen Community in NRW zu beleuchten. Nach den Erfolgen bei der Bekämpfung klassischer Clanstrukturen – etwa im libanesisch-türkischen Milieu – wollte das Innenministerium verstehen, ob sich durch die Zuwanderung der letzten Jahre neue Gruppierungen gebildet haben, die ähnlich agieren.

Laut Innenminister Herbert Reul ist die Analyse keine pauschale Stigmatisierung, sondern ein gezieltes Instrument, um Kriminalität besser zu verstehen. „Wir wollen wissen, wo neue Clanstrukturen entstehen, bevor sie sich verfestigen“, erklärte er bei der Vorstellung des Projekts. Es gehe nicht um Herkunft, sondern um Strukturen, die sich kriminell organisieren.


Zentrale Ergebnisse des Projekts „Euphrat“

Das Projekt wertete umfangreiche Polizeidaten, Fallakten und soziale Verflechtungen aus. Dabei ging es insbesondere um die Fragen: In welchen Regionen sind syrischstämmige Tatverdächtige besonders aktiv? Welche Deliktbereiche überwiegen? Und gibt es familiäre oder netzwerkartige Bezüge, wie sie aus anderen Clans bekannt sind?

Die wichtigsten Erkenntnisse:

  • Kein flächendeckendes Clan-Phänomen, aber regionale Cluster: In einigen Städten des Ruhrgebiets und im Rheinland zeigen sich Gruppierungen, die nach außen familiär geschlossen auftreten und gemeinsam Straftaten begehen.

  • Schwerpunkt auf Eigentums- und Drogenkriminalität: Die Delikte reichen von Einbruch und Betrug bis zu Rauschgifthandel, teilweise mit internationalem Bezug.

  • Zunehmende Netzwerkbildung: Es existieren lose Verbindungen zwischen Familien und Bekanntenkreisen, die wirtschaftlich und kriminell kooperieren – ähnlich wie frühe Clanstrukturen anderer Herkunftsgruppen.

  • Neue Herausforderungen für Polizei und Justiz: Die schnelle Integration größerer Zuwanderergruppen, fehlende soziale Kontrolle und Parallelmilieus erschweren präventive Maßnahmen.

Reul betonte, dass sich die Ergebnisse nicht zur Pauschalisierung eigneten. „Die allermeisten Syrerinnen und Syrer leben völlig gesetzestreu in NRW“, sagte er. „Aber wir müssen hinschauen, wenn sich Kriminalität organisiert – egal in welchem kulturellen Umfeld.“


Wissenschaftlich fundierte Sicherheitsstrategie

Das Projekt „Euphrat“ gilt als Beispiel für die neue datenbasierte Sicherheitsstrategie in Nordrhein-Westfalen. Statt nur auf klassische Polizeiarbeit zu setzen, nutzt das Land zunehmend analytische Methoden, um Kriminalitätsmuster frühzeitig zu erkennen. Dazu gehören Netzwerkanalysen, KI-gestützte Datenauswertungen und Kooperationen mit Soziologen.

„Wir wollen Ursachen verstehen, nicht nur Symptome bekämpfen“, so Reul. Die gewonnenen Erkenntnisse fließen in die operative Polizeiarbeit, in Präventionsprogramme und in neue Ausbildungskonzepte für Ermittler ein. Damit soll verhindert werden, dass sich Strukturen wie in Berlin oder Bremen wiederholen – wo Clanstrukturen über Jahrzehnte wuchsen, ehe sie wirksam bekämpft werden konnten.


Gesellschaftliche Dimension und Kritik

Die Untersuchung berührt auch gesellschaftspolitische Fragen. Kritiker warnen, der Begriff „Clankriminalität“ könne ganze Bevölkerungsgruppen stigmatisieren. Das Innenministerium betont hingegen, dass es um Verhaltensmuster und Organisationsformen, nicht um ethnische Zugehörigkeit gehe.

Tatsächlich zeigt die Studie, dass soziale Ausgrenzung, fehlende Aufstiegsperspektiven und abgeschottete Milieus entscheidende Risikofaktoren sind. Prävention müsse daher früh beginnen – etwa über Bildung, Integrationsarbeit und kommunale Sozialprojekte. Reul kündigte an, diese Aspekte stärker mit den Kommunen zu verzahnen.


Dauerhafte Bekämpfung und Ausblick

Parallel wurde die Sicherheitskooperation Ruhr bis mindestens 2030 verlängert. Sie bündelt Polizei, Kommunen, Zoll und Bundespolizei im Ruhrgebiet – ein Modell, das auch international Beachtung findet. Der Innenminister sieht darin ein langfristiges Signal: „Wir müssen Clankriminalität dort bekämpfen, wo sie entsteht – im Alltag, auf der Straße und in den Köpfen.“

Mit dem Projekt „Euphrat“ will NRW künftig noch stärker auf Vernetzung, Datenanalyse und Prävention setzen. Die Erkenntnisse sollen helfen, neue Formen organisierter Kriminalität frühzeitig zu erkennen – bevor sich feste Machtstrukturen bilden.


Fazit:
Das Projekt „Euphrat“ steht für einen Paradigmenwechsel in der Sicherheitsstrategie des Landes. Statt reaktiv zu handeln, will NRW präventiv verstehen, wie sich neue Clanstrukturen entwickeln – wissenschaftlich fundiert und rechtsstaatlich abgesichert. Der Ansatz verbindet Datenauswertung, Polizeiarbeit und Integrationspolitik. Damit setzt NRW ein Signal: Kriminalität hat keine Herkunft, aber Strukturen, die man erkennen und zerschlagen kann.


Quelle:
Landtag Nordrhein-Westfalen – Bericht des Innenministeriums zur Bekämpfung der Clan-Kriminalität, Projekt „Euphrat“ (Vorlage 18/2176):
https://www.landtag.nrw.de/portal/WWW/dokumentenarchiv/Dokument/MMV18-2176.pdf
(© NRW Landtag / Innenministerium NRW – CC BY-ND)