Privatsphäre im Internet heißt Freiheit

Ein Gastbeitrag von Karsten Schramm, Aufsichtsratsvorsitzender bei der Brabbler AG in München. Er äußert sich aus seiner Sicht zur Wichtigkeit der Privatsphäre im Internet.

Die ausufernde Datenschnüffelei lässt erstaunlich viele Menschen kalt. „Mir doch egal“, sagen sie achselzuckend, „ich hab nix zu verbergen“. So einfach ist es aber leider nicht, denn im Internet hat absolut jeder etwas zu verbergen. Genauso wie im echten Leben brauchen die Menschen auch in unserer digitalisierten Welt ihre Privatsphäre. Und zwar um ihrer Freiheit willen.

Warum das so ist, zeigt sich durch das Fehlen dieser Privatsphäre. Die Datenspuren der Menschen werden immer umfänglicher aufgezeichnet, miteinander verknüpft und ausgewertet. Und das gilt längst nicht mehr nur für Daten, die man durch die Nutzung von PC, Tablet oder Smartphone hinterlässt. Auch Geräte mischen mittlerweile kräftig mit.

Connected Cars – Fahrzeuge mit Internet- Zugang – oder sämtliche Sprachassistenten mit ihren Mikrofonen sorgen dafür, dass sogar Gespräche im Auto oder in den eigenen vier Wänden in die Auswertungen einfließen können. Das ermöglicht immer umfangreichere und vermeintlich vollständigere Profile von uns Menschen mit all unseren Vorlieben, Einstellungen, Gedanken, Gefühlen, Bedürfnissen und Ängsten. Und diese Profile können ganz konkrete Einschränkungen der individuellen Freiheit zur Folge haben.

Zum Beispiel durch die Entstehung des gläsernen Kunden. Wird jemand als kaufkräftig und markenbewusst identifiziert, darf er sich inzwischen nicht mehr darüber wundern, dass er für ein Produkt im Internet mehr bezahlen muss als jemand, der in ein anderes Segment eingestuft ist. Oder durch den gläsernen Patienten. Wenn sämtliche Krankheiten und genetischen Vorbelastungen durch Eltern ebenso bekannt sind wie der eigene Lebensstil – dann könnten viele Menschen Schwierigkeiten bekommen, von einer Krankenkasse überhaupt aufgenommen zu werden.

Es sind aber nicht nur Konzerne, von denen Ungemach droht, sondern auch Behörden. Politische Einstellungen oder Interessen, die durch die Datenprofile sichtbar werden, könnten etwa dazu führen, dass jemandem die Einreise in die USA verweigert wird. Auch der politische Selbstfindungsprozess von jungen Menschen wird durch die Profile transparent und für immer in Bits gemeißelt. Unbedachte Äußerungen können so noch Jahre später zum digitalen Bumerang werden – etwa wenn sich eine ehemals dem extremen linken Spektrum zuneigende, aber inzwischen längst in der politischen Mitte angekommene Person um eine Stelle als Polizist im Staatsdienst bewirbt.

Deshalb bedeutet die fehlende Privatsphäre im Internet nichts anderes als eingeschränkte Freiheit. Will man sich dem entziehen, hat man im Moment nur die Wahl zwischen Pest und Cholera. Man kann natürlich einfach darauf verzichten, Internet, soziale Medien, Messaging-Apps und Co. zu nutzen. Dadurch wäre man aber zu einem beträchtlichen Teil von der gesellschaftlichen Kommunikation ausgeschlossen – und ebenfalls erheblich in seiner Freiheit eingeschränkt. Die Alternative ist, seine Kommunikation selbst zu zensieren; man überlegt sich bei jeder Suchanfrage, beim Besuch jeder Internetseite oder bei jeder Nachricht, welche negativen Folgen sie haben könnten. Damit verhält man sich aber dann wie der Bewohner eines totalitären Staates: um keinen Ärger zu bekommen, sagt oder tut man bestimmte Dinge im vorauseilenden Gehorsam erst gar nicht.

Das ist das exakte Gegenteil von Freiheit.

So kann es nicht weitergehen. Geräte und Software sollen den Menschen eigentlich nutzen und dienen. Deshalb darf mit dem, was man ihnen anvertraut, nicht länger Schindluder getrieben werden. Ihre Hersteller sollten sich dazu verpflichten, ohne ausdrückliche und proaktive Zustimmung keine privaten Inhalte zu speichern, zu analysieren und mit anderen Firmen oder Behörden zu teilen.
AGBs dürfen nicht länger die Entschuldigung für unethisches Verhalten sein.

Weitere Informationen unter:
www.brabbler.ag
https://klartext.unverschluesselt.net/

 

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