Hochkonjunktur für Insolvenzverwalter
Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen in Deutschland ist zuletzt deutlich gestiegen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes wurden im Jahr 2025 rund 24.000 Unternehmensinsolvenzen registriert – ein deutlicher Anstieg gegenüber dem Vorjahr. Wirtschaftsforscher führen diese Entwicklung vor allem auf eine schwache Konjunktur, gestiegene Finanzierungskosten, hohe Energiepreise sowie strukturelle Veränderungen in vielen Branchen zurück.
Im Durchschnitt bedeutet das: In Deutschland meldet etwa alle 20 Minuten ein Unternehmen Insolvenz an. Besonders betroffen sind kleine und mittelständische Betriebe, die stärker unter Nachfrageeinbrüchen, steigenden Lohnkosten und schwieriger Finanzierung leiden. Gleichzeitig geraten auch größere Unternehmen zunehmend unter Druck, etwa in der Industrie, im Handel oder in der Bauwirtschaft.
Mit jeder neuen Insolvenz rückt eine Berufsgruppe stärker in den Mittelpunkt, die normalerweise kaum öffentlich wahrgenommen wird: Insolvenzverwalter. Sie übernehmen in wirtschaftlichen Krisensituationen eine zentrale Rolle im Wirtschaftssystem. Sobald ein Insolvenzverfahren eröffnet wird, entscheidet ihre Arbeit darüber, ob ein Unternehmen saniert werden kann oder endgültig vom Markt verschwindet.
Hochkonjunktur für Insolvenzverwalter: Wer Unternehmen durch die Krise führt
Wenn Unternehmen zahlungsunfähig werden oder ihre Rechnungen dauerhaft nicht mehr begleichen können, beginnt ein Verfahren, das für viele Betriebe den Wendepunkt bedeutet: das Insolvenzverfahren. In wirtschaftlich schwierigen Zeiten steigt nicht nur die Zahl der Insolvenzen, sondern auch die Bedeutung einer Berufsgruppe, die im Hintergrund über Fortbestand, Sanierung oder Abwicklung von Unternehmen entscheidet – der Insolvenzverwalter.
Wer bestimmt den Insolvenzverwalter
Entgegen einer verbreiteten Annahme wird ein Insolvenzverwalter nicht vom Staat ernannt oder von Gläubigern gewählt. Die Entscheidung trifft das zuständige Insolvenzgericht. Sobald ein Unternehmen oder eine Privatperson Insolvenzantrag stellt – oder ein Gläubiger einen solchen Antrag einreicht – prüft das Gericht zunächst die Voraussetzungen des Verfahrens. Wird das Verfahren eröffnet, bestimmt das Gericht einen Insolvenzverwalter.
In der Praxis greifen Gerichte dabei auf Listen erfahrener Fachleute zurück. Diese sogenannten Insolvenzverwalter-Pools bestehen meist aus spezialisierten Rechtsanwälten oder Wirtschaftsjuristen, die über umfangreiche Erfahrung im Insolvenzrecht und in Unternehmenssanierungen verfügen. Das Gericht entscheidet nach Kriterien wie Erfahrung, fachlicher Qualifikation, Unabhängigkeit und organisatorischer Leistungsfähigkeit, wer das jeweilige Verfahren übernimmt.
In größeren Verfahren können auch mehrere Personen beteiligt sein, etwa Sachwalter oder Sonderverwalter. Bei sogenannten Eigenverwaltungen – einem Verfahren, bei dem die Geschäftsführung im Amt bleibt – überwacht ein Sachwalter den Prozess.
Der Weg in den Beruf
Der Beruf des Insolvenzverwalters ist kein klassischer Ausbildungsberuf mit staatlicher Prüfung. Formal existiert kein eigener Studiengang oder Berufsabschluss, der direkt zum Insolvenzverwalter führt. Die meisten Insolvenzverwalter in Deutschland sind Rechtsanwälte, häufig mit Spezialisierung im Insolvenzrecht oder im Wirtschaftsrecht.
Typischerweise führt der Weg über ein Jurastudium, das zweite Staatsexamen und mehrere Jahre Praxiserfahrung in einer Kanzlei, die sich mit Insolvenz- und Sanierungsfällen beschäftigt. Viele spezialisieren sich zusätzlich über den Fachanwaltstitel für Insolvenz- und Sanierungsrecht oder absolvieren betriebswirtschaftliche Zusatzqualifikationen.
Neben juristischen Kenntnissen sind auch wirtschaftliche Fähigkeiten entscheidend. Insolvenzverwalter müssen Geschäftsmodelle analysieren, Sanierungsstrategien entwickeln, mit Gläubigern verhandeln und häufig hunderte Mitarbeiter sowie komplexe Unternehmensstrukturen koordinieren. In größeren Verfahren arbeiten sie mit Teams aus Betriebswirten, Steuerexperten und Restrukturierungsspezialisten.
Ein Beruf zwischen Sanierung und Abwicklung
Die Aufgaben eines Insolvenzverwalters sind vielseitig. Zu Beginn eines Verfahrens verschafft sich der Verwalter einen Überblick über Vermögen, Schulden und laufende Verträge des Unternehmens. Anschließend entscheidet sich, ob eine Sanierung möglich ist oder ob das Unternehmen abgewickelt werden muss.
In vielen Fällen besteht das Ziel darin, den Betrieb ganz oder teilweise zu erhalten – etwa durch Verkauf an Investoren, durch Restrukturierung oder durch sogenannte übertragende Sanierungen. Gelingt dies nicht, organisiert der Insolvenzverwalter die geordnete Liquidation der Vermögenswerte, um die Forderungen der Gläubiger möglichst gerecht zu bedienen.
Dabei übernimmt der Insolvenzverwalter faktisch die Rolle der Geschäftsführung. Er entscheidet über Fortführung oder Stilllegung von Betrieben, über Kündigungen, Vertragsauflösungen und den Verkauf von Unternehmensbestandteilen. Besonders bei großen Insolvenzen kann ein Verfahren mehrere Jahre dauern.
Verdienst und wirtschaftliche Dimension
Die Vergütung eines Insolvenzverwalters ist gesetzlich geregelt und orientiert sich an der sogenannten Insolvenzmasse – also dem Vermögen, das im Verfahren verwertet wird. Grundlage ist die Insolvenzrechtliche Vergütungsverordnung (InsVV).
In kleineren Verfahren, etwa bei Privatinsolvenzen, liegen die Vergütungen häufig nur im niedrigen vierstelligen Bereich. Bei Unternehmensinsolvenzen können die Summen jedoch deutlich höher ausfallen. In großen Verfahren mit Millionen- oder Milliardenvermögen erreichen die Honorare teilweise mehrere hunderttausend oder sogar Millionen Euro.
Dabei handelt es sich jedoch nicht um reines Einkommen. Insolvenzverwalter müssen meist große Teams finanzieren, Bürostrukturen unterhalten und erhebliche organisatorische Kosten tragen. Dennoch zählt das Insolvenzrecht zu den wirtschaftlich attraktiveren Spezialisierungen im juristischen Bereich.
Wie viele Insolvenzverwalter gibt es in Deutschland
Genaue Zahlen sind schwer zu ermitteln, da der Beruf rechtlich nicht als eigener Berufsstand organisiert ist. Schätzungen aus Branchenverbänden gehen davon aus, dass in Deutschland mehrere tausend Personen regelmäßig als Insolvenzverwalter tätig sind. Allerdings konzentriert sich ein Großteil der Verfahren auf eine vergleichsweise kleine Gruppe besonders erfahrener Kanzleien.
In größeren Wirtschaftszentren dominieren spezialisierte Insolvenzkanzleien, die mehrere Dutzend Verfahren parallel betreuen können. Gerade bei großen Unternehmensinsolvenzen greifen Gerichte häufig auf etablierte Namen zurück, die über ausreichend Personal und Erfahrung verfügen.
Nachwuchsproblem in der Branche
Trotz steigender Insolvenzverfahren steht die Branche vor strukturellen Herausforderungen. Viele erfahrene Insolvenzverwalter nähern sich dem Ruhestand, während der Nachwuchs begrenzt ist. Der Einstieg in das Berufsfeld gilt als anspruchsvoll und erfordert jahrelange Spezialisierung.
Zudem schwankt die Nachfrage stark mit der Konjunktur. In wirtschaftlich stabilen Jahren sinkt die Zahl der Verfahren deutlich, was die Planung für junge Juristen erschwert. In Krisenzeiten dagegen steigt der Bedarf an Sanierungsexperten stark an.
Mit Blick auf die aktuellen wirtschaftlichen Entwicklungen – von Transformationen in der Industrie bis hin zu strukturellen Veränderungen im Handel – dürfte die Arbeit der Insolvenzverwalter weiterhin eine zentrale Rolle im Wirtschaftssystem spielen. Sie fungieren gewissermaßen als Krisenmanager der Marktwirtschaft: Sie sorgen dafür, dass wirtschaftliche Fehlentwicklungen geordnet abgewickelt werden und zugleich möglichst viele Unternehmen oder Arbeitsplätze erhalten bleiben.
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