Google-Bewertungen: Warum immer mehr Rezensionen gelöscht werden

Immer mehr gelöschte Bewertungen werfen Fragen auf

Wer ein Restaurant, Hotel oder einen Handwerksbetrieb sucht, schaut häufig zuerst auf die Sternebewertung bei Google Maps. Für viele Verbraucher sind diese Rezensionen längst zu einem entscheidenden Orientierungspunkt geworden. Doch genau dieses Vertrauen gerät zunehmend ins Wanken.

Eine aktuelle Stichprobe der Deutschen Presse-Agentur (dpa), über die unter anderem n-tv berichtete, zeigt: Bei tausenden Restaurants und Hotels in Deutschland wurden Google-Bewertungen nach Beschwerden der Unternehmen entfernt. Gleichzeitig weist Google seit einigen Monaten erstmals transparent darauf hin, wenn Bewertungen aufgrund von Beschwerden wegen angeblicher Diffamierung gelöscht wurden. Damit rückt ein Thema in den Fokus, das Unternehmen, Verbraucher und Juristen gleichermaßen beschäftigt: Wie aussagekräftig sind Online-Bewertungen überhaupt noch?

Die dpa-Stichprobe zeigt ein deutliches Bild

Für die Untersuchung wertete die dpa mehr als 3.700 Unternehmensprofile von Hotels und Gastronomiebetrieben aus. Das Ergebnis überrascht.

Vor allem in deutschen Großstädten finden sich inzwischen auffallend häufig Hinweise darauf, dass Bewertungen entfernt wurden. In Städten wie Berlin, Köln oder Frankfurt war nahezu jedes dritte untersuchte Unternehmen betroffen. Auch München, Nürnberg oder andere Ballungsräume weisen vergleichsweise hohe Quoten auf. In kleineren Städten tritt das Phänomen deutlich seltener auf.

Dabei geht es nicht um einzelne Ausreißer. Teilweise wurden nur wenige Bewertungen gelöscht, bei manchen Unternehmen aber mehrere Dutzend oder sogar weit über 200 Rezensionen.

Google schafft mehr Transparenz

Seit Ende April 2026 blendet Google bei deutschen Unternehmensprofilen einen zusätzlichen Hinweis ein. Dort wird angezeigt, wenn innerhalb der vergangenen zwölf Monate Bewertungen aufgrund einer erfolgreichen Beschwerde wegen angeblicher Diffamierung entfernt wurden. Die Anzahl erscheint nicht als exakte Zahl, sondern in Kategorien wie „2 bis 5“, „21 bis 50“ oder „über 250 Bewertungen“.

Google betont, dass diese Hinweise ausschließlich der Transparenz dienen. Sie haben nach Angaben des Unternehmens keinen Einfluss auf das Ranking innerhalb der Google-Suche oder bei Google Maps. Außerdem beziehen sie sich ausschließlich auf Löschungen nach erfolgreichen Diffamierungsbeschwerden nach deutschem Recht. Andere entfernte Inhalte, etwa wegen Spam oder Verstößen gegen die Plattformregeln, fließen in diese Anzeige nicht ein.

Warum werden Bewertungen überhaupt gelöscht?

Grundsätzlich ist es legitim, gegen falsche Tatsachenbehauptungen, Beleidigungen oder Fake-Bewertungen vorzugehen. Gerade Unternehmen mit hoher öffentlicher Sichtbarkeit sind regelmäßig Ziel von Spam oder gezielten Kampagnen.

Nach deutschem Recht können Unternehmen verlangen, dass offensichtlich rechtswidrige Bewertungen entfernt werden. Besonders dann, wenn ein Bewerter nach Aufforderung keinen glaubhaften Nachweis für einen tatsächlichen Kundenkontakt liefern kann, entscheiden Gerichte häufig zugunsten des Unternehmens. Google reagiert deshalb oftmals vorsorglich und entfernt entsprechende Rezensionen, um rechtliche Risiken zu vermeiden.

Dieses Vorgehen schützt seriöse Unternehmen vor Rufschädigung. Gleichzeitig eröffnet es aber auch Möglichkeiten zum Missbrauch.

Die Entstehung einer „Löschindustrie“

Verbraucherforscher Professor Steffen Kroschwald von der Hochschule Pforzheim spricht inzwischen von einer regelrechten „Löschindustrie“. Gemeint sind spezialisierte Kanzleien und Agenturen, die Unternehmen anbieten, negative Bewertungen systematisch prüfen und entfernen zu lassen.

Kritiker sehen darin ein wachsendes Problem. Denn wenn Plattformen aus juristischer Vorsicht eher löschen als prüfen, könnten auch berechtigte Erfahrungsberichte verschwinden. Fachleute sprechen in diesem Zusammenhang von „Overblocking“. Darunter versteht man das vorsorgliche Entfernen rechtmäßiger Inhalte, um rechtliche Risiken zu vermeiden.

Für Verbraucher wird dadurch immer schwieriger einzuschätzen, ob eine sehr gute Durchschnittsbewertung tatsächlich die Realität widerspiegelt oder ob kritische Stimmen im Laufe der Zeit verschwunden sind.

Was bedeutet das für Unternehmen?

Für seriöse Unternehmen ist die Situation ambivalent.

Einerseits haben sie ein berechtigtes Interesse daran, sich gegen gefälschte Bewertungen, Erpressungsversuche oder beleidigende Kommentare zu wehren. Solche Einträge können erhebliche wirtschaftliche Schäden verursachen.

Andererseits kann der neue Google-Hinweis selbst zum Reputationsrisiko werden. Wer sieht, dass „51 bis 100 Bewertungen entfernt“ wurden, könnte schnell den Eindruck gewinnen, ein Unternehmen wolle Kritik unterdrücken, selbst wenn sämtliche Löschungen rechtlich gerechtfertigt waren. Genau vor diesem Generalverdacht warnen auch Branchenvertreter des Hotel- und Gaststättengewerbes.

Unternehmen sollten deshalb Löschanträge sorgfältig abwägen und nicht jede kritische Bewertung automatisch bekämpfen. Häufig wirkt eine sachliche Antwort auf berechtigte Kritik glaubwürdiger als deren vollständige Entfernung.

Was Verbraucher beachten sollten

Für Nutzer bedeutet die neue Transparenz vor allem eines: Sternebewertungen sollten nicht isoliert betrachtet werden.

Hilfreicher ist es,

  • den Inhalt der Rezensionen zu lesen,
  • auf wiederkehrende Kritikpunkte zu achten,
  • die Reaktionen des Unternehmens zu bewerten,
  • verschiedene Bewertungsplattformen miteinander zu vergleichen,
  • und den neuen Hinweis auf gelöschte Bewertungen in die Gesamteinschätzung einzubeziehen.

Selbst Professor Kroschwald räumt inzwischen ein, dass er Sternebewertungen heute deutlich skeptischer beurteilt als noch vor einigen Jahren. Entscheidend sei weniger die reine Durchschnittsnote als das Gesamtbild eines Unternehmens.

Zwischen Verbraucherschutz und Reputationsschutz

Die Diskussion zeigt ein grundsätzliches Dilemma der digitalen Plattformökonomie.

Unternehmen müssen sich wirksam gegen Rufschädigung verteidigen können. Gleichzeitig benötigen Verbraucher möglichst unverfälschte Erfahrungsberichte, um fundierte Entscheidungen treffen zu können.

Googles neuer Transparenzhinweis ist deshalb ein erster Schritt. Er löst jedoch nicht das eigentliche Problem. Solange unklar bleibt, ob gelöschte Bewertungen tatsächlich rechtswidrig waren oder lediglich kritische Meinungen enthielten, bleibt die Aussagekraft vieler Bewertungsprofile begrenzt.

Die Folge könnte sein, dass Verbraucher künftig weniger auf die Sternebewertung selbst achten und stattdessen verstärkt auf glaubwürdige Inhalte, nachvollziehbare Antworten der Unternehmen und unabhängige Informationsquellen setzen.


Quellen:

  • Google: Hinweise zur Entfernung von Bewertungen wegen Diffamierungen
  • dpa-Stichprobe, veröffentlicht unter anderem bei n-tv
  • ARD Tagesschau: Transparenz bei gelöschten Google-Bewertungen
  • SWR: Hintergrund zur Löschung von Google-Rezensionen

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