Pflege von Angehörigen: Wenn Sorge zur Stärke wird

Ergebnis

Die Pflege von Angehörigen entwickelt sich zunehmend zu einer festen Säule im Alltag vieler Bundesbürger. Aktuell geben mehr als jeder achte Bürger (13 %) an, wenigstens einmal pro Woche einen Angehörigen zu pflegenBetrachtet man den monatlichen Turnus, ist sogar fast jeder fünfte Bürger involviertIm Vergleich zum Jahr 2010 zeigt sich ein deutlicher Anstieg der privaten Sorgearbeit, die damals von 15 % (monatlich) beziehungsweise 11 % (wöchentlich) geleistet wurdeDabei bleibt die Pflege weiterhin ungleich verteilt: Frauen engagieren sich mit 22 % deutlich häufiger in der Betreuung von Angehörigen als Männer (16 %)Zwar holen Männer im Vergleich zu früheren Jahren langsam auf, doch die Hauptlast liegt nach wie vor bei den weiblichen BürgernZudem zeigen sich regionale Unterschiede: In ländlichen Gebieten wird häufiger gepflegt als in Großstädten, was auf engere familiäre Strukturen, aber auch auf eine geringere Dichte professioneller Angebote zurückzuführen ist.

Gründe

Die Zunahme der häuslichen Pflege ist primär dem demografischen Wandel geschuldet. In einer alternden Gesellschaft mit einer wachsenden Zahl an Hochbetagten steigt das Risiko chronischer Erkrankungen, während gleichzeitig Fachkräfte fehlenDies führt zu einer faktischen Privatisierung der Pflege: Familien springen dort ein, wo staatliche oder institutionelle Strukturen nicht ausreichenDass Frauen diese Aufgabe häufiger übernehmen, ist oft noch in klassischen Rollenbildern begründet. Gleichzeitig ist die private Pflege ein enormer Wirtschaftsfaktor. Würde man die unbezahlte Arbeit der pflegenden Angehörigen, die zwei Drittel aller Pflegeleistungen ausmachen, monetarisieren, entspräche dies einem Wert von über 40 Milliarden Euro – vergleichbar mit dem halben Bundeshaushalt für Bildung und ForschungAuf dem Land ist die familiäre Unterstützung oft alternativlos, da professionelle Dienstleister fehlenDie Belastung für die Pflegenden ist dabei hoch: Der Krankenstand in Pflegeberufen liegt mit durchschnittlich 39 Tagen fast doppelt so hoch wie im Bundesdurchschnitt, was die physischen und psychischen Herausforderungen dieser Tätigkeit unterstreicht.

Prognose

Die Pflege wird auch in Zukunft eine zentrale gesamtgesellschaftliche Aufgabe bleiben, die jedoch neuer Lösungsansätze bedarf. Ähnlich wie bei der Kinderbetreuung werden Forderungen nach steuerlichen Vorteilen, Lohnersatzleistungen oder der Anrechnung von Rentenpunkten für Pflegezeiten an Relevanz gewinnenEs ist davon auszugehen, dass flexible Arbeitszeitmodelle und betriebliche Lösungen entscheidend sein werden, um Beruf und Sorgearbeit zu vereinbarenNeben der familiären Unterstützung wird die Bedeutung ausländischer Fachkräfte weiter steigen; bereits heute hat sich deren Anteil in der Altenpflege seit 2013 auf 18 % mehr als verdoppeltErgänzend könnten technologische Innovationen – von Organisations-Apps bis hin zu Robotik nach japanischem Vorbild – sowie neue soziale Konzepte wie digitale Nachbarschaftshilfe zur Entlastung beitragen. Langfristig muss Pflege von einer individuellen Bürde zu einer anerkannten gesellschaftlichen Leistung transformiert werden.