Standort Deutschland 2.0

Deutschland 2.0

Wer den Wandel als Chance begreift, ist auf dem richtigen Weg.

Es läuft. Der Export flo­riert, die Binnennachfrage steigt stetig, die Steuereinnahmen sprudeln und die Arbeitslosigkeit sinkt. Das Label „Made in Germany“ glänzt in der Welt – nicht nur was Autos anbelangt. Im Ranking der weltweit attraktivsten Standorte rückt Deutschland von Jahr zu Jahr weiter vor; in Europa nimmt das Land sogar die Spitzen­stellung ein. Wie etwa in der jüngsten Umfrage der Prüfungs- und Be­ratungs­ge­sellschaft Ernst & Young (EY) unter Managern und Investoren. Letztere schätzen besonders die Stabilität des Standortes, das Qualifikationsniveau der Arbeitskräfte und die Telekommunikationsinfrastruktur. Ähnlich gut kommt Deutschland auch im World Competitiveness Yearbook 2014, dem Ranking der Schweizer Business School IMD, weg. Es landet auf Platz sechs der weltweit wettbewerbsfähigsten Volkswirtschaften und macht damit binnen eines Jahres drei Plätze gut. Für die Liste, die unverändert von den USA angeführt wird, untersuchten Wissenschaftler die 60 wich­tigsten Wirtschaftsnationen der Welt anhand von 253 Kriterien.

Solche Rankings sind Momentaufnahmen. Wird der Aufwärtstrend wei­terhin stabil bleiben? Wie steht es um die Innovationskraft des Standortes? Sind Deutschlands Leitbranchen fit für den stetigen, immer schneller werdenden Wandel? Die Antwort wird durchwachsen ausfallen. Während die Politik mehr verwaltet als gestaltet, sind es agile Unternehmer, die mit frischen Ideen und Wagemut das Land in Richtung Deutsch­land 2.0 steuern. Sie schaf­fen neue Wert­schöpfungsfelder, Ar­beits­plät­ze und da­mit Wohlstand. Grüne Technologien entwickeln sich zum Ex­portschlager, eine ausgefeilte Logistik spannt die Transportkette rund um den Globus und intelligente Informationssysteme durchdringen jeden Lebensbereich. Auch im Maschinenraum der deut­schen Wirtschaft wird kräftig gewerkelt – mit der smarten Produktion der Indus­trie 4.0 bahnt sich eine Revolution an. Die digitalisierte Fertigung dürfte nach Schät­zungen von Beratern der Boston Consulting Group (BCG) rund 390 000 neue Jobs schaffen. Mindestens.

Institut zur Zukunft der Arbeit, Prof. Klaus F. Zimmermann

Klaus Zimmermann: „Bereits im Jahr 2025 werden im Vergleich zu heute rund sieben Millionen Arbeitskräfte auf dem deutschen Arbeitsmarkt fehlen.“

Eitel Sonnenschein also? Nicht wirklich. Die Zahl derer, die Wolken am Ho­rizont heraufziehen sehen, wächst. Sozialpolitische Wohltaten von Mütter­rente bis Mindestlohn irritieren, hohe Investitionsbedarfe schrecken, wie der mitunter beklagenswerte Zustand deut­scher Verkehrswege. Kratzer im Lack bescheren gescheiterte, fehlgeleitete und überteuerte Großprojekte von der Ham­burger Elbphilharmonie bis zum Berliner Hauptstadtflughafen. „Es ist doch eigentlich ein Unding, dass die neuen Weltkonzerne überall anders entstehen. Ob das Google ist oder Facebook, jetzt Alibaba in China. Wo sind da die Deut­schen?“, fragt EY-Partner Peter Englisch im Gespräch mit der Deutschen Welle. Eingeschüchtert vor Gefahren aus Amerika oder Asien zu warnen, nach scharfen Beschränkungen zu rufen wird nicht helfen. Sondern eher: Disruptive Dienstleistungen und Technologien als Chance zu begreifen. Mitmischen.

Das könnte gerade dem starken und innovationsfreudigen Mittelstand zunehmend schwerer fallen. Denn der kommt, salopp gesprochen, allmählich in die Jahre. Die staatliche Förderbank KfW schlägt in einer Studie Alarm: Inhaber kleiner und mittlerer Unternehmen in Deutschland altern rasch, mehr als 1,3 Millionen Firmeninhaber sind gegenwärtig bereits 55 Jahre alt oder älter, heißt es in der Studie. Vor allem aber: Von Unternehmern, die älter als 60 Jahre sind, investiert nur jeder Dritte. Ein Umstand der sich empfindlich auf die deutsche Wettbewerbsfähigkeit auswirken könnte: „Der deutsche Mittelstand altert im Zeitraffer“, bilanziert KfW-Chefvolkswirt Jörg Zeuner, „Weil ältere Chefs wesentlich seltener investieren, droht vielen kleinen und mittleren Unternehmen ein Verlust an Wettbewerbsfähigkeit.“
Der demografische Wandel wird den Wirtschaftsstandort eher beschäftigen, als das heute viele wahrhaben wollen. In spätestens zehn Jahren wird sich das gesamte Ausmaß des Problems zeigen: Dann beginnt die Generation der Baby­boomer in Rente zu gehen. „Bereits im Jahr 2025 werden im Vergleich zu heute rund sieben Millionen Arbeitskräfte auf dem deutschen Arbeitsmarkt fehlen“, mahnt Klaus Zimmermann, Direktor des Instituts zur Zukunft der Arbeit in Bonn. Was kommt, ist bereits jetzt am Fachkräftemangel erkennbar. Auch spezialisierte Facharbeiter wie Me­chatroniker fehlen schon heute, wie eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zeigt. Die Autoren beziffern den sich daraus ergebenden Wohl­standsverlust auf mehr als 20 Milliarden Euro pro Jahr. Es ist nicht so, dass dieses Problem unlösbar wäre. Nur fällt die Lösung nicht im Sinne des Standortes aus: Konzerne verlagern die Jobs einfach dahin, wo es gut qualifizierte Arbeitskräfte gibt – ins Ausland.

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