Open Source bewirkt eine höhere Geschwindigkeit bei Innovationen

Wie Open Source ein Enabler und Beschleuniger für das Innovationstempo in Unternehmen darstellen kann, zeigt Susan James, Senior Director of Telecommunications Strategy bei Red Hat im Interview mit Trend Report.

Service-Provider beginnen endlich, Open Source zu nutzen. Warum glauben Sie, dass das gerade jetzt geschieht?
Für Service-Provider ist Open Source eine weitgehende Notwendigkeit. Wenn man sich ihren Innovationsbedarf und ihren Wunsch ansieht, sich im Laufe der Zeit neu zu positionieren, sollten sie die Vorteile der Skalierung im Webmaßstab nutzen. Der größte Teil der dafür benötigten Technologien kommt aus dem Open-Source-Bereich. So hat beispielsweise Google Kubernetes und TensorFlow, das sie als KI-Plattform nutzen, an die Community übergeben. Communities können diese Technologien weiterentwickeln, um einem breiteren Bedarf gerecht zu werden, mit ihnen Innovationen einführen und sie als Basis nutzen. Dadurch erhalten Service-Provider und die gesamte Branche einen viel schnelleren Zugang zu Innovationen – und ein viel breiteres Spektrum an Innovationen – als wenn sie den gesamten Stack komplett alleine von Anfang an neu entwickeln würden.

Die meisten Telekommunikationsausrüster haben früher die Hardware, die Middleware-Plattform und die Applikationen selbst erstellt. Jetzt können sie sich einzig auf die Anwendungen konzentrieren und diese auf die bestmögliche Weise entwickeln. Damit ergibt sich eine höhere Geschwindigkeit in der gesamten Branche, wenn Open Source eine der Komponenten ist.

Welche Vorteile bietet Open Source, die Telekommunikationsanbieter verstehen sollten?
Das lässt sich in sechs Worten zusammenfassen: Innovation, Inspiration, Freiheit, Kontrolle, Qualität und Sicherheit. Innovationen und deren Geschwindigkeit spielen eine wichtige Rolle. Viele Branchen nutzen die gleichen Technologien, erzeugen Innovationen auf unterschiedliche Weise und es entsteht eine riesige Community, die viel Anregung bietet. Wer sich anschaut, wie UPS Logistikprobleme auf der letzten Meile löst, kann sich als Dienstleister von dieser Arbeit inspirieren lassen. Unternehmen haben auch die Freiheit zu fragen, wie sie diese Technologie heute nutzen wollen wenn sie wissen, dass sie in Zukunft nicht mehr an diese spezifische Technologie gebunden sind. Wenn Sie proprietäre Technologien verwenden, ist es oft sehr schwierig, zwischen verschiedenen Technologiepfaden zu wechseln, was bedeutet, dass Unternehmen versuchen müssen vorherzusagen, ob ihr Technologie-Stack sowohl ihre aktuellen als auch ihre zukünftigen Anforderungen erfüllt.

Auf einer grundlegenderen Ebene gibt Open Source den Service-Providern mehr Kontrolle. In der Vergangenheit konnten sie mit Cisco, Nokia oder Ericsson sprechen und sagen, dass sie eine bestimmte Funktion in ihrer Infrastruktur benötigen. Diese Anbieter nahmen diese Technologie dann in ihre Roadmaps auf oder nicht. Wenn heute Service-Provider ein konkretes Leistungsmerkmal einsetzen wollen, suchen sie in der Open-Source-Community, ob es bereits vorhanden ist, weil ein anderer es bereits entwickelte und an die Community zum allgemeinen Gebrauch überreichte. Das Engagement in diesen Communities lohnt sich also.

Open Source bietet Service-Providern auch eine bessere Softwarequalität und mehr Sicherheit. Das Sprichwort lautet: Je mehr Augen, desto weniger Fehler. Was die Fehlererkennung betrifft, gibt es eine große Gemeinschaft von Personen, die mit der Software arbeiten und sie testen, so dass Fehler früher gefunden werden. Unter Sicherheitsaspekten können Unternehmen den Source Code direkt inspizieren. Nicht umsonst gilt Open Source zunehmend weniger als Sicherheitsrisiko.

Welchen Herausforderungen müssen sich Service-Provider bei der Migration in eine offenere Umgebung stellen?
Die Telekommunikation basiert seit Jahren auf offenen Standards, aber bei der Einführung von Open Source mussten verschiedene Funktionsbereiche neu festgelegt werden. Eine der Herausforderungen besteht darin, dass sich Applikationen bei Anforderungen wie Ausfallsicherheit, Verfügbarkeit und Load Balancing auf die Plattform, wie beispielsweise doppelt ausgelegte Hardware, verlassen konnten. Da heute eine Virtualisierungsschicht zum Einsatz kommt, müssen die Anwendungen einige dieser Aufgaben übernehmen. Das hat Auswirkungen auf die Art und Weise, wie Anwendungen entwickelt werden, wie mit Load Balancing umgegangen wird und wie Daten verwaltet werden – das ist eine völlig andere Art, Probleme zu lösen. Wenn Anwendungen rein in der Cloud erstellt werden, wissen sie, wie sie mit Ausfällen umgehen müssen, anstatt sich auf die zugrundeliegende Plattform zu verlassen.

Gehen die Applikationen in Betrieb, stellt sich die nächste Herausforderung wo und wie das Troubleshooting erfolgt. Ein großer Teil dieser Probleme wurde durch Alltagserfahrungen bewältigt, man hat ein besseres Verständnis entwickelt und es sind dafür Lösungen im Cloud-Betriebssystem OpenStack entstanden. Die Weiterentwicklung von Open-Stack in den letzten zwei Jahren hat sich schwerpunktmäßig auf Funktionen für Day-2-Operations konzentriert. Deutliche Fortschritte ergaben sich durch die Nutzung von Ansible, einem Tool zur Automatisierung von IT-Betrieb, Netzwerk-Provisionierung und Geschäftsprozessen.

Wie können Service-Provider die Fragmentierung vermeiden, die bei der Umstellung auf ein Open-Source-Modell auftreten kann? Wie können sie stattdessen die Zusammenarbeit fördern?
Wenn es darum geht, den technischen Fortschritt in der Branche voranzubringen, kooperieren Netzbetreiber und ihrer Lieferanten. Daher arbeiten sie seit Jahren an der Standardisierung. Verständigen sie sich im Vorfeld darauf, was zu tun ist, können alle ihren Teil dazu beitragen. Es existierten ein gemeinsames Fundament und eine etablierte Art und Weise, wie die Industrie zusammenarbeitet, um ihre Ziele zu erreichen. Ein Beispiel dafür, wie dies in Open-Source-Projekten gelingt, ist die Open Platform for NFV (OPNFV). Sie wurde gegründet, damit Red Hat die Anforderungen von Service-Providern versteht und mit diesem Wissen Lösungen in Open-Source-Projekten entstehen. Anbieter wie Ericsson, Nokia, Intel, Amdocs und Cisco arbeiten auf diese Art und Weise schon lange mit Service-Providern zusammen. Ein aktuelles Beispiel ist die Gründung der Open Network Automation Platform (ONAP). Ziele dabei sind Verbesserungen bei der betrieblichen Effizienz und in der Kundeninteraktion.

5G steht bei den meisten Service-Providern ganz oben auf der Agenda. Welche Rolle wird Open Source im 5G-Ökosystem spielen?
Die 5G-Plattforminfrastruktur wird auf Open Source basieren – ob diese Workloads nun über Container und Virtualisierung bereitgestellt werden oder über Red Hat OpenShift Container Platform und Red Hat OpenStack Platform. Das hängt zum Beispiel davon ab, welche Arten von Workloads und wo sie ausgeführt werden sollen. Aber nicht nur die Infrastrukturebene, sondern auch IoT-Anwendungen, basieren auf Linux und Open-Source-Infrastrukturen sowie auf Open-Source-APIs und profitieren damit von einer umfangreichen Innovations-Community.

Mobile Edge Computing (MEC) ist ein weiterer Bereich, der auf ein großes Interesse stößt. Welche Rolle spielt Open Source bei MEC?
Auch die MEC-Infrastruktur wird eine Open-Source-Infrastruktur nutzen und sie wird möglicherweise auf OpenStack basieren. Bei MEC arbeiten Netzwerkausrüster, Open-Source-Unternehmen wie Red Hat, Standardisierungsgremien wie ETSI und Dienstleister zusammen, um zu einer gemeinsamen Definition zu kommen. Hier hat sich ein Wandel vollzogen von der reinen Standardisierung hin zu einer effektiveren Kooperation in den Open-Source-Communities und dann zurück zum Standardisierungsprozess, um zu definieren, wie die Schnittstellen aussehen sollen.

Klar ist: Die gesamte Open-Source-Bewegung wird sich in vielen Branchen – nicht nur in der Telekommunikation – immer stärker verbreiten, wenn es darum geht, wie ein Unternehmen Innovationen vorantreibt. Für Service-Provider kommt es darauf an, dass sie mit einem Ökosystem von Netzwerkausrüstern, Applikationsanbietern und Integratoren kooperieren, und damit von der gesamten Community profitieren, denn das ist die Quelle der Innovation.

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