Wenn KI ins Rathaus einzieht: Wird der digitale Stadtrat Realität?

Mit der virtuellen Stadträtin „Eva Statiella“ sorgt die norditalienische Stadt Acqui Terme derzeit europaweit für Schlagzeilen. Erstmals erhält eine künstliche Intelligenz einen offiziellen Platz innerhalb einer kommunalen Verwaltung. Politische Entscheidungen trifft sie zwar nicht, doch sie analysiert Bürgeranliegen, formuliert Vorschläge und unterstützt Verwaltungsprozesse. Das Projekt wirft eine grundsätzliche Frage auf: Könnten KI-Agenten künftig zum festen Bestandteil von Rathäusern werden und den öffentlichen Dienst dauerhaft verändern?

 

Der Beginn einer neuen Verwaltungsepoche?

Wer an künstliche Intelligenz denkt, verbindet sie meist mit Chatbots, Übersetzungsprogrammen oder automatisierten Kundenservices. In Acqui Terme im italienischen Piemont geht man nun einen Schritt weiter. Dort sitzt erstmals eine künstliche Intelligenz symbolisch mit am Ratstisch. Die digitale Stadträtin trägt den Namen Eva Statiella, eine Anlehnung an den historischen Namen der Stadt Aquae Statiellae.

Bürgermeister Danilo Rapetti beschreibt das Projekt ausdrücklich als Experiment. Eva besitzt weder ein Stimmrecht noch darf sie Beschlüsse fassen oder Verwaltungsakte unterschreiben. Stattdessen übernimmt sie eine beratende Funktion. Sie analysiert Anfragen aus der Bürgerschaft, bereitet Dokumente vor, unterstützt Verwaltungsmitarbeiter bei Routineaufgaben und kann Texte für Beschlussvorlagen oder Stellungnahmen entwerfen. Rechtlich bleibt jede Entscheidung ausschließlich den gewählten Vertretern vorbehalten.

Auf den ersten Blick wirkt das Projekt wie eine medienwirksame Idee. Tatsächlich steht dahinter jedoch ein viel größeres Ziel. Die Stadt möchte herausfinden, wie sich sogenannte KI-Agenten künftig in kommunale Arbeitsabläufe integrieren lassen. Anders als klassische Chatbots arbeiten solche Systeme nicht nur auf einzelne Fragen hin. Sie können Informationen aus unterschiedlichen Quellen zusammenführen, Abläufe planen, Dokumente vergleichen und eigenständig Handlungsvorschläge entwickeln.

Für viele Städte kommt dieser Ansatz zur richtigen Zeit. Europas Verwaltungen kämpfen seit Jahren mit Personalmangel, steigenden bürokratischen Anforderungen und einer wachsenden Zahl digitaler Dienstleistungen. Gleichzeitig erwarten Bürger schnelle Antworten, Online-Services und transparente Verfahren. Genau hier könnte künstliche Intelligenz künftig eine Schlüsselrolle übernehmen.

Acqui Terme versteht sich deshalb weniger als Vorreiter einer automatisierten Politik, sondern vielmehr als Testlabor für die kommunale Verwaltung der Zukunft. Die entscheidende Botschaft lautet dabei nicht, dass Maschinen Politiker ersetzen sollen. Vielmehr sollen sie Verwaltungsmitarbeiter von zeitaufwendigen Routineaufgaben entlasten und ihnen mehr Zeit für die eigentliche Arbeit mit den Bürgern verschaffen.

KI im Rathaus: Europa experimentiert bereits mit der Verwaltung von morgen

Auch wenn die italienische KI-Stadträtin derzeit für die größten Schlagzeilen sorgt, steht sie nicht allein. In vielen Ländern Europas arbeiten Städte und Regierungen bereits daran, künstliche Intelligenz schrittweise in Verwaltungsprozesse zu integrieren. Der Unterschied liegt vor allem im Ansatz: Während Acqui Terme die KI bewusst sichtbar macht, setzen andere Kommunen auf Anwendungen, die für Bürger oft im Hintergrund bleiben.

Als Vorreiter gilt seit Jahren Estland. Der baltische Staat hat nahezu alle Behördengänge digitalisiert und verfolgt nun den nächsten Entwicklungsschritt. Künftig sollen sogenannte KI-Agenten im Auftrag von Bürgern oder Unternehmen handeln können. Sie könnten beispielsweise Anträge vorbereiten, Formulare ausfüllen, Steuerunterlagen prüfen oder Behördentermine koordinieren. Voraussetzung dafür ist eine digitale Identität, mit der sich ein KI-Agent eindeutig seinem Auftraggeber zuordnen lässt. Ziel ist es, Routineaufgaben weitgehend zu automatisieren und Verwaltungsverfahren deutlich zu beschleunigen. Die politische Verantwortung verbleibt dabei ausdrücklich bei den zuständigen Behörden.

Auch auf kommunaler Ebene entstehen derzeit zahlreiche Pilotprojekte. Im europäischen Programm AI Ready Municipalities entwickeln Städte wie Rotterdam und Riga gemeinsam Konzepte für den sicheren Einsatz künstlicher Intelligenz in der Verwaltung. Im Mittelpunkt stehen dabei weniger spektakuläre Anwendungen als vielmehr praktische Fragen: Welche Aufgaben eignen sich für KI? Wie lassen sich Mitarbeitende qualifizieren? Welche Datenschutzanforderungen müssen erfüllt werden? Und wie bleibt jede Entscheidung für Bürger nachvollziehbar? Ziel ist eine Verwaltung, die moderne Technologien nutzt, ohne Transparenz oder Rechtsstaatlichkeit zu gefährden.

Ein weiteres Beispiel ist das europäische Forschungsprojekt AI4Cities. Mehrere Metropolen, darunter Helsinki, Amsterdam, Kopenhagen, Tallinn und Paris, setzen künstliche Intelligenz bereits zur Analyse großer Datenmengen ein. Dort unterstützt sie unter anderem die Verkehrsplanung, optimiert den Energieverbrauch öffentlicher Gebäude und hilft bei der Reduzierung von CO₂-Emissionen. Die Systeme treffen jedoch keine politischen Entscheidungen. Sie liefern Daten, Prognosen und Handlungsempfehlungen, auf deren Grundlage Verwaltungen und Stadtparlamente entscheiden.

Diese Beispiele zeigen einen grundlegenden Wandel. Während die Digitalisierung der vergangenen Jahre vor allem darauf abzielte, Papierformulare durch Online-Portale zu ersetzen, beginnt nun eine neue Phase. Künstliche Intelligenz übernimmt nicht mehr nur die Bereitstellung von Informationen, sondern unterstützt zunehmend bei Analyse-, Planungs- und Verwaltungsaufgaben. Damit entwickelt sich die öffentliche Verwaltung von einer rein digitalen Infrastruktur zu einem intelligenten Assistenzsystem.

Bemerkenswert ist dabei, dass nahezu alle Projekte demselben Grundprinzip folgen: Die KI soll Beschäftigte entlasten, nicht ersetzen. Sie übernimmt zeitaufwendige Routinearbeiten, wertet große Informationsmengen aus und bereitet Entscheidungen vor. Verantwortung, Kontrolle und demokratische Legitimation bleiben dagegen beim Menschen. Genau dieser Ansatz dürfte darüber entscheiden, ob Bürger den Einsatz künstlicher Intelligenz in Rathäusern künftig als Fortschritt oder als Risiko wahrnehmen.

Wie KI-Agenten künftig ganze Rathäuser organisieren könnten

Die heutigen Anwendungen markieren vermutlich erst den Anfang einer Entwicklung, die das Arbeiten in Behörden grundlegend verändern könnte. Fachleute sprechen inzwischen zunehmend von agentischer KI. Gemeint sind intelligente Softwaresysteme, die nicht nur einzelne Fragen beantworten, sondern eigenständig Aufgaben übernehmen, Arbeitsabläufe koordinieren und verschiedene Informationsquellen miteinander verknüpfen.

Übertragen auf eine Stadtverwaltung würde dies bedeuten, dass künftig nicht eine einzige KI sämtliche Aufgaben erledigt, sondern zahlreiche spezialisierte Agenten parallel arbeiten. Jeder übernimmt einen klar abgegrenzten Verantwortungsbereich und unterstützt die zuständigen Mitarbeiter bei ihren täglichen Aufgaben.

So könnte ein KI-Agent im Bauamt eingereichte Bauanträge automatisch auf Vollständigkeit prüfen, Bebauungspläne abgleichen und fehlende Unterlagen erkennen. Im Einwohnermeldeamt würde ein anderer Agent Anträge vorbereiten, Termine koordinieren und Bürger über notwendige Dokumente informieren. Im Sozialamt könnten intelligente Systeme Fördermöglichkeiten vergleichen und Anträge vorsortieren, während in der Verkehrsplanung Verkehrsströme analysiert und Baustellen oder Ampelschaltungen simuliert würden.

Der entscheidende Unterschied zu heutigen Verwaltungsprogrammen liegt in der Eigenständigkeit. Moderne KI-Agenten können Informationen aus unterschiedlichen Datenquellen zusammenführen, Prioritäten setzen und komplette Arbeitsabläufe vorbereiten. Statt einzelne Formulare manuell zu bearbeiten, erhalten Sachbearbeiter bereits strukturierte Vorgänge mit einer Übersicht aller relevanten Informationen. Dadurch verkürzt sich nicht nur die Bearbeitungszeit, sondern auch die Fehlerquote kann sinken.

Für Bürger könnte sich der Kontakt mit Behörden dadurch grundlegend verändern. Wer künftig einen Reisepass beantragt, ein Unternehmen anmeldet oder eine Baugenehmigung benötigt, könnte zunächst mit einem digitalen Verwaltungsassistenten kommunizieren. Dieser beantwortet Fragen rund um die Uhr, erklärt erforderliche Unterlagen, prüft Angaben auf Plausibilität und leitet den Vorgang anschließend an die zuständigen Mitarbeiter weiter. Komplexe oder rechtlich schwierige Fälle würden weiterhin von Menschen bearbeitet.

Auch innerhalb der Verwaltung eröffnen sich neue Möglichkeiten. KI-Agenten könnten Gesetzesänderungen automatisch auswerten und die betroffenen Fachbereiche informieren. Sie könnten Haushaltsdaten analysieren, Investitionsvorhaben vergleichen oder bei Krisensituationen verschiedene Handlungsoptionen simulieren. Gerade angesichts immer komplexerer gesetzlicher Vorgaben könnte dies Behörden dabei helfen, schneller und fundierter zu reagieren.

Dennoch betonen nahezu alle europäischen Pilotprojekte einen entscheidenden Grundsatz: Künstliche Intelligenz darf Entscheidungen vorbereiten, sie soll sie jedoch nicht eigenständig treffen. Die Verantwortung für Genehmigungen, Bescheide oder politische Beschlüsse verbleibt bei den zuständigen Mitarbeitern und den demokratisch gewählten Entscheidungsträgern. Die Rolle der KI besteht darin, Informationen schneller verfügbar zu machen, Routinearbeiten zu übernehmen und Verwaltungsprozesse effizienter zu gestalten.

Damit zeichnet sich bereits heute ein mögliches Zukunftsbild ab. Das Rathaus der kommenden Jahre wird vermutlich nicht von einer einzigen allwissenden KI geprägt sein, sondern von einem Netzwerk spezialisierter digitaler Assistenten. Für Bürger bleibt der Ansprechpartner weiterhin der Mensch. Im Hintergrund könnten jedoch dutzende KI-Agenten dafür sorgen, dass Anträge schneller bearbeitet, Informationen präziser ausgewertet und Entscheidungen besser vorbereitet werden. Genau darin liegt das eigentliche Innovationspotenzial dieser Technologie.

Chancen für Kommunen, Bürger und Unternehmen

Der Einsatz künstlicher Intelligenz in der öffentlichen Verwaltung verspricht weit mehr als kürzere Wartezeiten am Bürgeramt. Richtig eingesetzt könnte sie dazu beitragen, eines der größten Probleme vieler Kommunen zu entschärfen: den wachsenden Fachkräftemangel. Schon heute bleiben zahlreiche Stellen in Verwaltungen unbesetzt. Gleichzeitig steigen die Anforderungen durch neue Gesetze, zusätzliche Dokumentationspflichten und den Wunsch nach digitalen Dienstleistungen.

KI-Agenten könnten hier eine wichtige Entlastungsfunktion übernehmen. Sie bearbeiten Routineaufgaben, prüfen Unterlagen auf Vollständigkeit, vergleichen Datenbestände oder bereiten Schriftstücke vor. Dadurch gewinnen Sachbearbeiter Zeit für Tätigkeiten, bei denen menschliches Urteilsvermögen, Erfahrung und persönliche Beratung gefragt sind. Gerade in Bereichen mit hohem Verwaltungsaufwand könnte dies die Arbeitsbelastung spürbar senken.

Auch für Bürger ergeben sich konkrete Vorteile. Behördengänge könnten deutlich einfacher werden, wenn digitale Assistenten rund um die Uhr Fragen beantworten, Formulare verständlich erklären und auf fehlende Angaben hinweisen, bevor ein Antrag eingereicht wird. Fehlerhafte oder unvollständige Anträge würden seltener, was wiederum die Bearbeitungszeiten verkürzen könnte. Gleichzeitig ließen sich viele Dienstleistungen unabhängig von Öffnungszeiten oder telefonischer Erreichbarkeit nutzen.

Unternehmen würden ebenfalls profitieren. Genehmigungsverfahren gelten seit Jahren als einer der größten Standortnachteile Deutschlands. Ob Baugenehmigungen, Gewerbeanmeldungen oder Förderanträge: Viele Verfahren dauern Monate oder sogar Jahre. KI könnte Anträge strukturieren, rechtliche Vorgaben automatisiert abgleichen und den zuständigen Behörden bereits vollständig vorbereitete Vorgänge zur Verfügung stellen. Die eigentliche Entscheidung träfe weiterhin der zuständige Sachbearbeiter, allerdings auf einer deutlich besseren Informationsbasis.

Ein weiterer Vorteil liegt im Wissensmanagement. Verwaltungen arbeiten mit einer Vielzahl von Gesetzen, Verordnungen, Satzungen und Verwaltungsvorschriften, die sich regelmäßig ändern. KI-Systeme können große Dokumentenmengen in Sekunden durchsuchen, relevante Regelungen zusammenführen und auf Änderungen hinweisen. Dadurch sinkt das Risiko, dass wichtige Informationen übersehen werden oder unterschiedliche Sachbearbeiter zu voneinander abweichenden Ergebnissen gelangen.

Darüber hinaus eröffnet künstliche Intelligenz neue Möglichkeiten für die strategische Stadtentwicklung. Durch die Auswertung großer Datenmengen lassen sich Verkehrsströme analysieren, Energieverbräuche optimieren oder Investitionsbedarfe frühzeitig erkennen. Städte könnten Infrastrukturmaßnahmen besser planen und öffentliche Mittel gezielter einsetzen. Entscheidungen würden sich stärker auf aktuelle Daten und Prognosen stützen als auf Einzelbeobachtungen oder historische Erfahrungswerte.

Nicht zuletzt könnte eine intelligent unterstützte Verwaltung auch das Vertrauen der Bürger stärken, sofern sie transparent arbeitet. Wenn Anträge schneller bearbeitet werden, Auskünfte nachvollziehbar sind und Behörden leichter erreichbar werden, verbessert dies die Wahrnehmung staatlicher Leistungsfähigkeit. Gerade in Zeiten, in denen viele Menschen den öffentlichen Dienst als langsam und überlastet erleben, könnte künstliche Intelligenz dazu beitragen, Verwaltung wieder bürgernäher und effizienter zu gestalten.

Allerdings hängt dieser Erfolg von einer entscheidenden Voraussetzung ab: KI darf nicht als Ersatz für den Menschen verstanden werden. Ihr größter Nutzen entsteht dort, wo sie Beschäftigte unterstützt, Prozesse beschleunigt und Entscheidungen vorbereitet. Erst das Zusammenspiel aus technischer Leistungsfähigkeit und menschlicher Verantwortung macht aus künstlicher Intelligenz ein Werkzeug, das den öffentlichen Sektor nachhaltig stärken kann.

Risiken: Zwischen Effizienz, Datenschutz und demokratischer Kontrolle

So groß die Erwartungen an künstliche Intelligenz in der öffentlichen Verwaltung sind, so wichtig ist auch ein nüchterner Blick auf die Risiken. Schließlich treffen Behörden Entscheidungen, die unmittelbare Auswirkungen auf das Leben der Menschen haben. Sie entscheiden über Baugenehmigungen, Sozialleistungen, Gewerbeerlaubnisse oder Meldedaten. Fehler oder intransparente Abläufe können daher weitreichende Folgen haben.

Eine der größten Herausforderungen ist die Nachvollziehbarkeit von KI-gestützten Entscheidungen. Moderne Sprachmodelle liefern häufig überzeugende Antworten, ohne offenzulegen, auf welcher Grundlage sie zu ihrem Ergebnis gekommen sind. In der Verwaltung reicht das jedoch nicht aus. Bürger haben Anspruch darauf zu erfahren, warum ein Antrag genehmigt oder abgelehnt wurde. Jede Entscheidung muss rechtlich überprüfbar und nachvollziehbar sein. Deshalb darf künstliche Intelligenz zwar Empfehlungen aussprechen oder Informationen zusammenstellen, die endgültige Entscheidung muss jedoch ein verantwortlicher Mitarbeiter treffen.

Hinzu kommt der Datenschutz. Behörden verfügen über besonders sensible Informationen, darunter Steuerdaten, Gesundheitsangaben, Sozialleistungen oder Melderegister. Gelangen solche Daten in ungeeignete Systeme oder werden sie unzureichend geschützt, können erhebliche Schäden entstehen. Deshalb setzen viele öffentliche Einrichtungen auf geschlossene KI-Lösungen, die innerhalb ihrer eigenen IT-Infrastruktur betrieben werden und den europäischen Datenschutzvorgaben entsprechen.

Ein weiteres Risiko sind fehlerhafte oder verzerrte Ergebnisse. KI-Systeme lernen aus vorhandenen Daten. Sind diese unvollständig oder enthalten sie historische Ungleichbehandlungen, können sich solche Verzerrungen in den Empfehlungen der KI widerspiegeln. Fachleute sprechen in diesem Zusammenhang von algorithmischen Verzerrungen oder Bias. Gerade im öffentlichen Sektor wäre dies problematisch, weil alle Bürger gleich behandelt werden müssen. Aus diesem Grund benötigen Verwaltungen regelmäßige Qualitätskontrollen und Verfahren, mit denen sich Ergebnisse überprüfen und korrigieren lassen.

Auch die Cybersicherheit gewinnt an Bedeutung. Je stärker Verwaltungsprozesse digitalisiert werden, desto attraktiver werden sie für Cyberkriminelle oder staatlich gesteuerte Angriffe. Manipulierte Daten, sabotierte Systeme oder gestohlene Identitäten könnten erhebliche Auswirkungen auf Behörden und Bürger haben. Der Schutz kritischer IT-Infrastrukturen wird daher zu einer zentralen Voraussetzung für den erfolgreichen Einsatz künstlicher Intelligenz.

Schließlich stellt sich eine grundsätzliche demokratische Frage: Wie sichtbar soll künstliche Intelligenz im politischen Alltag überhaupt sein? Das italienische Modell einer offiziellen KI-Stadträtin erzeugt Aufmerksamkeit und macht Innovation greifbar. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass Bürger den Eindruck gewinnen, politische Entscheidungen würden künftig von Maschinen getroffen. Tatsächlich bleibt die Verantwortung bei den gewählten Vertretern. Diese Trennung muss klar kommuniziert werden, um Missverständnisse und Vertrauensverlust zu vermeiden.

Genau deshalb spielt der EU AI Act eine zentrale Rolle. Die europäische Verordnung verlangt insbesondere bei sensiblen Anwendungen klare Regeln für Transparenz, menschliche Aufsicht und Risikomanagement. Behörden müssen nachweisen können, wie KI eingesetzt wird, welche Daten verarbeitet werden und an welcher Stelle der Mensch die Kontrolle behält. Der europäische Gesetzgeber verfolgt damit einen anderen Ansatz als viele außereuropäische Staaten: Nicht möglichst viele KI-Anwendungen stehen im Mittelpunkt, sondern deren sicherer, nachvollziehbarer und rechtskonformer Einsatz.

Die Zukunft der Verwaltung wird deshalb nicht allein von der Leistungsfähigkeit neuer KI-Systeme abhängen. Entscheidend wird sein, ob es gelingt, Effizienzgewinne mit Datenschutz, Rechtssicherheit und demokratischer Kontrolle in Einklang zu bringen. Nur wenn Bürger darauf vertrauen können, dass künstliche Intelligenz transparent und verantwortungsvoll eingesetzt wird, kann sie zu einem festen Bestandteil moderner Kommunen werden.

Die Verwaltung der Zukunft wird menschlich bleiben, aber intelligenter arbeiten

Die virtuelle Stadträtin in Acqui Terme ist mehr als ein medienwirksames Experiment. Sie steht stellvertretend für eine Entwicklung, die in den kommenden Jahren zahlreiche Städte und Gemeinden beschäftigen dürfte. Künstliche Intelligenz hält Einzug in die öffentliche Verwaltung und übernimmt dort zunehmend Aufgaben, die bislang ausschließlich von Menschen erledigt wurden. Noch beschränkt sich ihr Einsatz überwiegend auf die Vorbereitung von Entscheidungen, die Analyse großer Datenmengen oder die Unterstützung bei Routinearbeiten. Doch die technische Entwicklung schreitet schnell voran.

Für Kommunen eröffnet sich damit die Chance, auf gleich mehrere Herausforderungen gleichzeitig zu reagieren. Der Fachkräftemangel im öffentlichen Dienst, wachsende bürokratische Anforderungen und der steigende Wunsch nach digitalen Dienstleistungen lassen sich mit herkömmlichen Strukturen nur noch schwer bewältigen. KI-Agenten könnten Verwaltungsmitarbeiter entlasten, Bearbeitungszeiten verkürzen und Bürgern einen schnelleren Zugang zu Behörden ermöglichen. Gerade in Zeiten knapper öffentlicher Kassen dürfte dieser Effizienzgewinn für viele Städte und Gemeinden an Bedeutung gewinnen.

Gleichzeitig zeigt das italienische Beispiel, dass technischer Fortschritt allein nicht ausreicht. Entscheidend wird sein, wie transparent, nachvollziehbar und verantwortungsvoll künstliche Intelligenz eingesetzt wird. Bürger müssen darauf vertrauen können, dass nicht Algorithmen über ihre Anliegen entscheiden, sondern weiterhin Menschen die Verantwortung tragen. Die KI kann Informationen bereitstellen, Alternativen aufzeigen und Verwaltungsprozesse beschleunigen. Die demokratische Legitimation und die rechtliche Verantwortung dürfen jedoch nicht auf Maschinen übertragen werden.

Deutschland steht bei dieser Entwicklung vor einer doppelten Aufgabe. Einerseits muss die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung deutlich schneller vorankommen. Andererseits bietet sich die Chance, von den Erfahrungen anderer Länder zu lernen und künstliche Intelligenz von Beginn an unter klaren rechtlichen und ethischen Rahmenbedingungen einzuführen. Der europäische AI Act schafft hierfür bereits wichtige Leitplanken.

Ob in wenigen Jahren tatsächlich jede Stadt über einen digitalen Verwaltungsassistenten oder sogar einen offiziellen KI-Stadtrat verfügt, lässt sich heute noch nicht vorhersagen. Wahrscheinlicher ist ein anderes Szenario: Künstliche Intelligenz wird schrittweise zu einem selbstverständlichen Werkzeug im Rathaus werden, ähnlich wie E-Mail, elektronische Akten oder Online-Bürgerportale. Sie wird die Verwaltung nicht ersetzen, aber sie könnte grundlegend verändern.

Die eigentliche Revolution besteht deshalb nicht darin, dass Maschinen politische Verantwortung übernehmen. Sie besteht darin, dass Menschen durch intelligente Systeme besser informiert, schneller unterstützt und von Routineaufgaben entlastet werden. Die Verwaltung der Zukunft wird damit nicht weniger menschlich sein, sondern im Idealfall bürgernäher, effizienter und besser auf die Herausforderungen einer digitalen Gesellschaft vorbereitet.

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