Page 30 - TREND REPORT März 2019
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30 Digital Banking | März 2019
TREND REPORT
Immer mehr Institute folgen einem Trend, der sich in der Wirtschaft seit einigen Jah- ren abzeichnet und durch die immer größer werdende Welt der Start-ups verstärkt wird – der Lockerung des Dresscodes.
Galten Anzug und Krawatte früher als besonders vertrauensstiftend, ist mit diesem Erscheinungsbild seit der Ban- kenkrise oft das Bild des windigen Ver- käufers konnotiert. Das wichtigste, was ein Finanzkaufmann in einer sich zu- nehmend automatisierenden Welt sei- nen Kunden vermittelt, ist kein Pro- dukt. Von der Vermögensanlage bis zum Kredit lässt sich heute alles online ohne „teure“ Menschen abschließen. Im Wettbewerb mit Maschinen besteht die Kernkompetenz des Bankiers in der Vermittlung von Vertrauen. Der locke- re Dresscode soll helfen, die Distanz zum Kunden zu reduzieren.
Den Ursprung hat dieser Stil zweifellos bei den Helden des digitalen Zeitalters. Als Steve Jobs seine prophe- tischen Worte sprach – „Today Apple is going to reinvent the phone“ – tat er dies in Bluejeans, schwarzem Pullover und Sneakern. Tim Cook besitzt zwar längst nicht die Anziehungskraft seines Vorgängers, hielt aber mit Entwicklun- gen wie Siri sowohl Kunden als auch Anleger auf Kurs. Seit Neuestem kann die digitale Assistentin auch Banking: „Hey Siri, überweise 10 Euro an Max Mustermann für die Kinokarten“, könnte dabei der Befehl lauten. Sofern schon einmal Geld an Herrn Muster- mann überwiesen wurde, ist Siri damit in der Lage, in der Banking-App das komplette Überweisungsformular samt IBAN und Verwendungszweck auszu- füllen. Nur die TAN-Eingabe muss noch selbst getätigt werden. Neben Apple drängen auch die anderen GAFA-Un- ternehmen (Google, Apple, Facebook, Amazon) in die Finanzbranche. Eben- so wie Apple Pay ermöglicht auch das Android-Pendant Google Pay das Be- zahlen via Smartphone an der Kasse. Amazon-Go-Filialen scha en Kassen- systeme sogar komplett ab. Eine auf dem Smartphone installierte App ver- netzt sich mit der ausgeklügelten Tech- nik im Geschäft, die genau erkennt, welche Waren der Kunde einsteckt. Nach Verlassen des Ladens erhält die- ser nur noch eine Push-Benachrichti- gung, einen digitalen Kassenbon. Zu-
sätzlich setzen sich die Unternehmen auch im Online-Commerce an die Schnittstelle zwischen Händler und Kunden, indem sie bei Bezahlungen per App Rabatte anbieten oder als Identitätsdienst die Registrierung beim Onlineshop mit nur einem Klick er- möglichen.
Schon vor den GAFAs erhielt die Digitalisierung in Turnschuhen Einzug in die Bankenbranche. Der wachsende Markt der FinTechs erobert von Ban- ken vernachlässigte Nischen und er- scha t neue Geschäftsmodelle, die sich am Kundennutzen orientieren. Oft- mals kooperieren sie dabei mit Banken und bauen auf deren Vertrauensvor- sprung und Kundenpool. Banken wie- derum sind durch die FinTechs schnell in der Lage, ihren Kunden neue Dienstleistungen anzubieten, und si- chern sich damit Wettbewerbsvorteile. Trotz Kooperationen hat die Digitali- sierung der Branche einen Zeitenwan- del herbeigeführt, der sich nicht nur in der Kleidung niederschlägt.
Traditionelle Hausbanken sind nicht länger in der Lage, sämtliche Bedürf- nisse ihrer Kunden exklusiv zu bedie-
Blockchains können laut Christopher Weßels für Banken „als Grund- lage für neue Ge- schäftsmodelle die- nen“.
Banken und Blockchains
Gastbeitrag von Christopher Weßels, IT-Architekt und Block- chain-Experte bei der Fiducia & GAD IT AG
Unter einer Blockchain versteht man die gemeinschaftliche Parallelverar- beitung digitaler Transaktionen in einer verteilten Datenbank.
Ihr Novum: Sie ermöglicht den Besitz und die Veräußerung beliebiger digi- taler Güter ohne externe Prü nstanz. Bei einer Bitcoin-Überweisung etwa bleiben Banken bekanntlich außen vor. Aber auch für die Beglaubigung digitaler Verträge braucht niemand mehr einen Notar. Solche lokalen Echtheitsbestätigungen werden in der Blockchain global von der dezentra- len Gemeinschaft der Teilnehmer er- bracht. Dieses Prinzip der „globali- sierten“ Transaktionsprüfung lässt sich auf digitale Dienstleistungen genau- so übertragen wie auf den Handel mit Bildern, Videos oder Musikdateien.
Im Kern stellt sich die Frage, auf wel- che Weise eine Bank in dezentralen Blockchain-Ökosystemen einen ori- ginären Mehrwert stiften kann. Inter- essant erscheinen dabei sogenannte Consortium-Blockchains, bei denen sich – anders als in der ö entlichen Variante à la Bitcoin & Co. – die Teil- nehmer vorab bereits kennen. Das größte Potenzial von Consortium- Blockchains liegt aus Sicht der Fidu- cia & GAD in organisationsübergrei- fenden Kooperationsmodellen, die künftig auch als Grundlage für neue Geschäftsmodelle dienen könnten – etwa im Retail-Geschäft, bei Schufa-
Bonitätsprüfungen oder der Vergabe von Konsortialkrediten.
Auch in einer Consortium-Blockchain prüft die Teilnehmergemeinschaft jede Transaktion durch verteilte Pro- zessverarbeitung anhand kryptogra-  scher Verfahren. Damit können künf- tig auch solche Prozesse digitalisiert werden, für die bislang noch ein Echtheitsnachweis per Unterschrift und Stempel auf Papier notwendig war. Weil sämtliche Transaktionen im selben verteilten Datenbestand vor- genommen werden, entfällt der Auf- wand für periodische Synchronisati- onen wie einen Tages- oder Monats- abschluss. Die Blockchain verspricht aber nicht nur höhere Prozesse zi- enz, sondern auch höhere Stabilität und Verfügbarkeit. Denn der Ausfall eines Teilnehmersystems beeinträch- tigt bei verteilter Verarbeitung die anderen Teilnehmer nicht.
Doch die Gretchenfrage bleibt: Wel- che Rolle spielen Banken künftig noch bei Handelsgeschäften, die über Ländergrenzen hinweg in einer Krypto-Währung abgewickelt wer- den? SWIFT könnte in diesem Szena- rio über üssig werden – Banken aber nicht. Denn irgendwann muss digita- les Geld wieder in eine reale Wäh- rung umgetauscht werden. Gleich- wohl sollten Banken ihre Rolle in der Blockchain-Ära grundsätzlich über- denken: Manches, was zunächst be- drohlich erscheint, entpuppt sich dann vielleicht als Chance für ein neues Geschäftsmodell.
www.fiduciagad.de
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