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10 Vernetzte Gesellschaft | Juni 2017
TREND REPORT
aktuellen Jahresbericht stellte die Bun- desnetzagentur fest, dass DSL-Techni- ken das Breitbandinternetgeschehen in Deutschland noch zu 75 % beherr- schen. Glasfasernetze hingegen sind mit einem Anteil von etwa 1,9 % kaum erwähnenswert. Der aktuelle Bericht der Bertelsmann-Stiftung nimmt bei der Analyse der Versäumnisse kein Blatt vor den Mund: „Unambitionierte Ziele, eine fehlende gesamtstaatliche Strategie, unkoordinierte Förderpro- gramme und fehlender Mut, konse- quent auf Glasfasertechnik zu setzen.“
Digitale Ökosysteme
Aber das Netz ist die eine Sache. Die Produkte, Philosophien und Strategien
für das digitalisierte, schnelllebige Uni- versum sind die andere. Es wird nicht mehr reichen, an Bewährtem festzu- halten. Die Unternehmen müssen sich ihren Platz in der digitalisierten Welt neu suchen, dabei das Tradierte mit- nehmen und trotzdem auf alle Verän- derungen und Herausforderungen agil und  exibel reagieren. Ein Produkt al- lein wird dabei nicht genügen, viel- mehr sollte um dieses Produkt herum eine kleine eigene Welt gebaut werden, die dem Kunden, aber auch dem Un- ternehmen und seinen Partnern Mehr- wert verspricht. Ein digitales Ökosys- tem sozusagen. So wie Apple zum Bei- spiel? Im Prinzip ja, doch fehlt dem System um iPhone und iPad eine we- sentliche Eigenschaft eines Ökosys-
tems – es ist nicht o en. Alles, was dar- in vorkommt, passt zwar mehr oder weniger zueinander, doch die restliche Welt ist ausgeschlossen.
Amazon, Google und Facebook machen es ebenfalls vor. Amazon z.B. ist es wie kaum einem anderen Unter- nehmen gelungen, um sein erstes, an- fängliches Produkt – Online-Verkauf von Büchern und Musik – herum ein eigenes Universum aus Partnern, Diens- ten und Kunden aufzustellen. Man er- kannte rechtzeitig, was für ein Potenzi- al der eigenen digitalen Plattform inne- wohnt und schuf mit ihr das heute nur allzu bekannte digitale Ökosystem. Aber auch dieses Unternehmen ist, wie auch die beiden anderen oben genannten,
nicht wirklich o en. Viele sehen gera- de in der O enheit ein Erfolgsrezept. Das Betriebssystem Linux ist eines der bekanntesten Beispiele dafür, wie man sich mit Unterstützung vieler Gleich- gesinnter gegen die Großen durchset- zen kann. Erst kürzlich gab die Linux Foundation die Gründung der EdgeX Foundry bekannt, in der bereits über 50 Unternehmen für ein o enes Framework für IoT Edge Computing und damit gemeinsame IoT-Industrie- standards eintreten.
Doch warum sollte das Geschäftsmo- dell digitales Ökosystem nicht auch zu mittelständischen und kleineren Un- ternehmen passen? Ihnen muss es „nur“ gelingen, ein Netzwerk aus Partnern, Kunden, Lieferanten, Entwicklern ins Leben zu rufen und zu verwalten, in dem alle Beteiligten auf einer einzigen Plattform gleichberechtigt ein gemein- sames Ziel zu gegenseitigem Nutzen verfolgen. Viele Produkte, Angebote oder Lösungen eignen sich dafür. Dr. Armin Schulz, Gründer und geschäfts- führender Partner der 3DSE Manage- ment Consultants GmbH, rät, sich gleich in den frühen Entwicklungspha- sen nicht nur auf das Produktkonzept zu konzentrieren, sondern bereits dar- über nachzudenken, welche Services oder auch welche ganz anderen Ge- schäftsmodelle man rund um dieses spätere Produkt mit anbieten möchte. „Das Wichtige ist aber“, so Schulz, „man wird nicht in der Lage sein, diese Services komplett zu durchdenken, weil dafür die Welt zu schnelllebig ist und man letztendlich unter Umstän- den später im Feld schnell reagieren muss.“ Dr. Stefan Wenzel, ebenfalls Gründer und geschäftsführender Part- ner der 3DSE Management Consul- tants GmbH, sieht noch einen anderen Aspekt: Fragen wie die Kultur des Un- ternehmens, die Leadership, das Change- Management dürfen nicht vergessen werden. Sie seien „nicht hoch genug zu priorisieren“. Ohne eine agil und  exi- bel agierende Führungsriege, die sich der auf sie zukommenden Herausfor- derungen bewusst ist, wird man auf verlorenem Posten stehen. Diese Flexi- bilität kann aber nicht von ungefähr kommen. Sie braucht eine stabile Ba- sis, und das sind z. B. Daten, mit deren Hilfe man die Bedürfnisse und Mei- nungen der Kunden stets im Blick be- halten kann. Nun werden Daten zwar bereits an jeder Ecke erhoben, doch die
Vertrauensbroker digitaler Ökosysteme
Wie sich die Bank der Zukunft neu er-  nden muss, berichtet Klaus-Peter Bruns von der Fiducia & GAD IT AG der TREND-REPORT-Redaktion.
Herr Bruns, was verstehen Sie unter digitalen Ökosystemen?
Als Beispiele werden oftmals Airbnb oder Uber genannt. Doch ob diese milliardenschweren Plattformen tat- sächlich die neue Ökonomie der digi- talen Teilhabe repräsentieren, ist frag- lich. Zwar resultiert die Wertschöpfung aus einer Kooperation der vielen Milli- onen Nutzer – die Gewinne aber teilen sich nur wenige. Ich sehe viel größeres Potenzial in Digitalplattformen, deren Stakeholder auch gleichzeitig Share- holder sind. Für mich ist ein digitales Ökosystem eine Art Genossenschaft 2.0.
Wie kann Ihre Genossenschaftliche FinanzGruppe davon pro tieren?
In traditionellen Genossenschaften vertraut man einander, weil man sich noch persönlich kennt. Das ist bei Digitalplattformen ohne geogra- fische Begrenzung anders, weshalb Vertrauen auf andere Weise entste- hen muss. Für Genossenschaftsban- ken, die jeden Kunden durch per- sönliche Legitimation kennen, bietet sich hier die einmalige Chance, die Rolle eines Vertrauensbrokers für di- gitale Ökosysteme zu übernehmen. Im Wettbewerb können sie sich so- mit gleichsam durch digitale Nähe profilieren.
Wie nutzen Sie heute die Möglichkei- ten künstlicher Intelligenz?
Wir haben zwei Chatbot-Prototypen entwickelt, die beide in natürlicher Sprache kommunizieren. „Customer Advisor“ soll künftig den Systemsup- port in den Banken verbessern. „Sara- bi“ verwandelt die VR-BankingApp in einen virtuellen Assistenten, beschränkt sich dabei aber nicht auf klassische Bankfunktionen, sondern kann zum Beispiel auch Angebote regionaler Einzelhändler integrieren – eine wei- tere Chance, digitale Nähe zu den Kunden herzustellen.
Wie sieht die Bank der Zukunft aus?
Allen Unkenrufen zum Trotz: Die Bank-  liale und besonders der persönliche Kontakt mit dem Berater werden wei- terhin einen hohen Stellenwert haben. Das bestätigen auch aktuelle Studien zum Beispiel des Zukunftsinstituts. Demnach ändert sich allerdings das Pro l der Banken. Bank lialen wan- deln sich vom „Ort des Geldes“ zum „Ort des Sozialen“. Das heißt: Die er- folgreiche Bank wird sich weiterentwi- ckeln von einem reinen Finanzdienst- leister zu einem Partner in allen Lebenslagen – mit individuellen Bera- tungsangeboten für Privat- und Fir- menkunden. Sie scha t Mehrwerte über das Banking hinaus, indem sie durch eine horizontale Vernetzung ein Beziehungssystem zwischen Pri- vatkunden, Firmenkunden und Bank aufbaut.
www.fiduciagad.de
Klaus Peter Bruns, Vorsitzender des Vorstands der Fiducia & GAD IT AG: „Bankfilialen wandeln sich vom ‚Ort des Geldes‘ zum ‚Ort des Sozialen‘.“
Bildmotiv Copyright: Fiducia & GAD IT AG












































































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